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Das Web verstehen lernen

WISSENSCHAFT
29.03.2009

Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web (WWW), und andere Web-Pioniere haben eine Initiative zur Begründung von Web Science, einer eigenen Wissenschaftsdisziplin zur Erforschung des Webs gestartet. Das sei notwendig, weil das Web mittlerweile alle Lebensbereiche betreffe, die Wissenschaft viele Phänomene und Entwicklungen aber nicht verstehen könne, so ihr Argument.

Am Sonntag in "matrix"

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Vor 20 Jahren, als junger Software-Ingenieur am Forschungszentrum CERN in Genf, schrieb Berners-Lee die erste Aktennotiz über das World Wide Web - aus Frustration, wie er bei der ersten Web-Science-Konferenz der Geschichte in Athen vergangene Woche erzählte.

Die Wissenschaftler aus aller Welt, die am CERN arbeiteten, kamen alle mit unterschiedlichen Computern, Betriebssystemen, Dateiformaten und Bibliothekssystemen. Um sich und den Wissenschaftlern das Leben zu erleichtern, hatte Berners-Lee die Idee eines einheitlichen Dokumentenformats und der Möglichkeit, Dokumente zu vernetzen - egal, auf welchem Computer oder Server sie lagen.

Komplexes System

1990 war das Grundgerüst für das World Wide Web, wieBerners-Lee sein System nannte, fertig: Mit dem ersten Browser und Editor, der Dokumentenformatierungssprache (HTML), dem Hypertext Transfer Protocol (HTTP) und dem Uniform Resource Identifier (URI). Bald nützten Wissenschaftler an anderen Einrichtungen ebenfalls dieses System, innerhalb von vier Jahren hatte das Web die breite Masse erreicht.

Was als eine Seite mit einer Liste aller verfügbaren Dokumente begonnen hatte, ist 15 Jahre später zu einem komplexen System mit schätzungsweise 15 Milliarden Webseiten angewachsen, das unsere Art zu arbeiten, die Freizeit zu gestalten, soziale Beziehungen zu pflegen, Informationen zu finden, zu lernen und einzukaufen massiv verändert hat.

Nicht Technologie, sondern Menschen formen

"Mit dem Web haben wir eine umwälzende Technologie gebaut", sagt Nigel Shadbolt, Professor für künstliche Intelligenz an der University of Southampton und einer der vier Direktoren der Web Science Research Initiative (WSRI), "aber wie es als Gesamtsystem funktioniert, wissen wir eigentlich nicht." Das deshalb, ergänzt WSRI-Mitbegründerin Wendy Hall, Professorin für Computerwissenschaften in Southampton, weil das Web nicht nur eine Technologie sei, sondern von Menschen geformt werde.

Das Web ist ein unglaublich komplexes Gebilde und im Prinzip sehr robust. Wenn die wichtigsten Websites, auf die viele andere Sites verlinken, jedoch plötzlich abgeschnitten würden, könnte es zusammenbrechen oder zumindest nicht mehr richtig funktionieren. Es könnte aber auch von gesetzlichen Regulierungen, von wirtschaftlichen Interessen oder anderen Entwicklungen fragmentiert und bedroht werden.

"Es gibt nur ein Web""

"Das Wichtige ist, es gibt nur ein Web", betonte Berners-Lee in seinem Vortrag bei der Eröffnung der Web-Science-Konferenz. Dieses universelle Web müsse für alle zugänglich sein, egal, welchen Computer sie haben, welches Betriebssystem oder welchen Browser, es müsse für Menschen aus allen Ländern, allen Kulturen und in allen Sprachen zugänglich sein und auch unabhängig davon, ob jemand eine Behinderung habe oder nicht.

Eigene Wissenschaft

Um das Web besser zu verstehen, um es am Leben zu erhalten und weiterentwicklen zu können, brauche es eine Wissenschaft, die neue Methoden entwickelt, neue Fragestellungen, neue Experimente und eine gemeinsame Sprache für Wissenschaftler aus allen Disziplinen, die das Web studieren.

Mit der Gründung der Web Science Research Initiative, der World Wide Web Foundation, einem Wissenschaftsrat und Kursen und Studienzweigen an Universitäten in verschiedenen Ländern, soll nun die Grundlage für die Entwicklung einer neuen Wissenschaftsdisziplin gelegt worden sein, der Web Science.

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(matrix/Sonja Bettel)