© Bild: Garmin, Garmin Navigationsgerät

"Navigeräte sind nicht benutzerfreundlich"

FORSCHUNG
11.03.2009

Die Wirtschaftsgeografin Petra Staufer-Steinnocher hält Google Maps und Autonavis für zu simpel. Speziell für Anwendungen im Tourismus sei die grafische Darstellung der aktuellen Navigationssysteme viel zu abstrakt, kritisiert sie. Im Gespräch mit ORF.at schlägt die Wissenschaftlerin vor, dass der Staat Unternehmen den Zugang zu seinen Geodaten erleichtern sollte, um den nächsten Innovationsschub zu verstärken.

Geodaten können vielfach genutzt werden: Etwa für digitale Planungswerkzeuge zur Flächenwidmungsplanung, zur Umweltkontrolle und auch zur Modellierung von Publikumsströmen bei der Planung öffentlicher Gebäude.

Staufer-Steinnocher sprach mit ORF.at über ihre Forschungsprojekte, den Nutzen von Geodaten für Gesundheitsdienstleister. Sie ist der Ansicht, dass öffentliche Geodaten kostengünstig Unternehmen zur Verfügung gestellt werden sollten. Staufer-Steinnocher sprach allerdings auch Problemfelder an, die in Zukunft noch auf Gestalter und Nutzer von Geodatensystemen zukommen werden.

Beispielsweise hält sie die derzeit verfügbaren Navigationslösungen für Fußgänger nicht für benutzerfreundlich. Das soll sich mit der weiteren Verbreitung von leistungsfähigen mobilen Internet-Geräten ändern.

ORF.at: Digitale Landkarten scheinen eine der wichtigsten Anwendungen der neuen Smartphone-Generation zu sein. Wie erklären Sie sich das?

Staufer-Steinnocher: Geodaten waren schon immer sehr wichtig für den Tourismus, beispielsweise zur Erstellung von Karten. Die Anwendungs- und Nutzungsmöglichkeiten sind heute bereits sehr breit gefächert, da wir heute bei den Nutzern eine viele stärkere Geoaffinität haben als früher. Diese ist durch die Popularität von beispielsweise Navigationssystemen, Google Maps, Google Earth und Smartphones mit standardisierten Diensten enorm gestiegen. Das sickert jetzt schon langsam bis in die Köpfe der Endkunden durch. Was Anfang der 2000er Jahre noch ein Hype war, bei dem wir alle geglaubt haben, "ja, das wird jetzt abgehen, das wird funktionieren", hat damals noch nicht funktioniert, weil die Endgeräte noch nicht so weit waren. Jetzt werden eine hohe Prozessorleistung und ein großes Display schon langsam Standard bei Smartphones.

ORF.at: Was sind die Herausforderungen bei der Erstellung von Karten für Mobilgeräte?

Staufer-Steinnocher: Wir haben Daten, die die Tourismusregionen beschreiben. Es gibt interessante Anwendungen von Tourismusinformationssystemen, wie die Möglichkeit, eigene Benutzerprofile zu erstellen, Routen vorzuschlagen oder auch Restaurantvorschläge einzugeben. Ich denke, das ist ein ganz wichtiger, aber sehr komplexer Bereich, der hinsichtlich der Daten langfristig sicherlich eine Herausforderung sein wird. Ich denke dabei etwa daran, dass es Daten gibt, die nicht immer gleich bleiben. Das betrifft die Öffnungszeiten von Restaurants oder die Änderung von Speisekarten. Da brauchen wir Online-Aktualisierungen der Informationen. Außerdem brauchen wir bessere Benutzerschnittstellen. Die Art und Weise, wie Navigationsgeräte im Auto für den Fahrer den Weg ansagen, ist für Fußgänger und Touristen nicht ideal, weil die sich ganz anders orientieren. Da ist auch noch viel zu tun.

ORF.at: Aber Navigationsgeräte speziell für Fußgänger und Wanderwege gibt es doch bereits?

Staufer-Steinnocher: Die meisten Navigationsgeräte sind derzeit eigentlich völlig benutzerunfreundlich. Diese Geräte diktieren uns eine Art, uns zu orientieren, die uns fremd ist. Die Modellierung der Umwelten in diesen Geräten ist sehr abstrakt. In der Realität ist die Straße nicht nur eine Skelettlinie, die ist einmal breiter, einmal schmäler, ich sehe links etwas, ich sehe rechts etwas, wenn ich in die andere Richtung gehe, schaut es wieder anders aus. All diese realen Orientierungspunkte und Charakteristika der Umgebung sind derzeit nicht in den Systemen, sie sind noch nicht modelliert. Sie sind auch sehr schwierig herzustellen, müssen von menschlichen Gestaltern gezeichnet werden, und dadurch wird das Ganze auch sehr fehleranfällig.

ORF.at: Muss man wirklich auch auf der Karte auch sehen, wie breit der Weg ist, um sich gut orientieren zu können?

Staufer-Steinnocher: Ja. Weil es natürlich immer wieder vorkommt, dass ich praktisch im "Nirgendwo" beginne und mich orientieren muss und mir das kleine Display keinen Überblick erlaubt. Wenn man Navigationssysteme im Auto benutzt und eine Reise plant, sieht man immer nur den Ausschnitt der Strecke, aber nie die gesamte Strecke. Das ist ein Skalierungsproblem. Da tut man sich mit anderen Medien leichter, mit diesen kleinen Displays ist das natürlich problematisch. Auch sich verändernde Fahrspuren, neue Über- und Unterführungen, also Änderungen in der Umgebung sind schwierig darzustellen und aktuell zu halten. Deshalb muss man sich überlegen, wie wir diese verschiedenen Umwelten jeweils richtig repräsentieren können. Das ist derzeit ein wichtiges Forschungsfeld.

ORF.at: Sie arbeiten auch an Projekten, bei denen Sie nicht Endverbrauchern dabei helfen, sich zu orientieren, sondern auch Planern.

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Staufer-Steinnocher: Es gibt in Krems den Plan, Hauptschule und Pflichtschule zu einem neuen Schulzentrum zusammenzulegen. Dazu hat eine meiner Diplomandinnen 2008 ein Forschungsprojekt gemacht. Wir haben uns angesehen, woher die Schüler kommen, wo sie wohnen und wie sie zur Schule gelangen. Alle wurden mit einem anonymisierten Fragebogen befragt. Wir wollten wissen, wie sich die Standortzusammenlegung auf die Schülerströme auswirkt. Mit einem Logikmodell haben wir die Wahrscheinlichkeiten der Verkehrsmittelwahl berechnet und dann ein Modell der Schülerströme für den neuen Schulstandort hergestellt. Dabei haben wir gesehen, dass überraschend viele Schüler auf dem neuen Weg eine sehr wichtige Hauptstraße überqueren müssen. Das muss man jetzt im Verkehrskonzept berücksichtigen.

ORF.at: Sind noch weitere Projekte in diese Richtung geplant?

Staufer-Steinnocher: Wir forschen häufig zu solchen Themen. Ich habe auch eine Zeit lang mit Gesundheitsdienstleistern wie dem AKH Wien zusammengearbeitet. Dort haben wir analysiert, wo die Ambulanzpatienten herkommen, zu welchen Zeiten und so weiter. Wir haben uns den Einzugsbereich der Krankenhausambulanz angesehen und festgestellt, wo die Märkte für die verschiedenen Leistungsgruppen sind. Das klingt zwar merkwürdig, aber es sind tatsächlich Märkte. Wenn ich einen Herkunftsmarkt habe im Bereich Hüften und Prothesen, und der in einer demografischen Region sehr stark besetzt ist, dann kann ich mir anschauen, wie die Bevölkerungsentwicklung verläuft und somit abschätzen, wie hoch in fünf oder zehn Jahren das Budget sein sollte, das man für die Behandlung dieser Fälle braucht. Selbstverständlich unter der Annahme, dass die Entwicklung ähnlich verläuft wie bisher.

ORF.at: Woher hatte das AKH Wien die Geodaten für dieses Projekt?

Staufer-Steinnocher: Im AKH Wien gab es im Controlling eine Gruppe, die sich auch mit der räumlichen Verteilung ihres Marktes beschäftigt hat. Die haben sich über zwei Jahre hinweg anhand von Ambulanzdaten angesehen, woher ihre Patienten kommen. Die Analysen haben wir dann teilweise in Kooperation gemacht, auch über einen Diplomanden. Das benötigte Datenmaterial war für das AKH Wien lizenziert. Damit konnten wir sowohl unser eigenes als auch das vom AKH lizenzierte Material verwenden. Das ist natürlich eine Sondersituation, eine Wiener Krankenanstalt die Zugang hat auf die Wiener Infrastrukturdaten. Das kann man nicht mit der Situation etwa eines Unternehmens aus einem Transport- und Logistikbereich vergleichen.

ORF.at: Wie sehen Sie die Zukunft für Geodaten aus volkswirtschaftlicher Perspektive?

Petra Staufer-Steinnocher: Aus volkswirtschaftlicher Perspektive müssen wir anstreben, dass die Information über unsere Lebens- und Wirtschaftsräume, in denen sich die Bevölkerung befindet, so gut als möglich vorhanden ist. Dass die Aufwände, die zur Sammlung von Informationen betrieben werden, nicht nur den ursprünglichen institutionellen Nutzern helfen, sondern dass wir hier einen Mehrwert generieren können. Die Informationen sollen auch in anderen Bereichen zur Entscheidungsunterstützung herangezogen werden können und nicht nur zur Flächennutzungsplanung.

ORF.at: Sie sehen Geodaten quasi als Rohstoff für neue Anwendungen?

Staufer-Steinnocher: Wir sammeln irrsinnig viele Daten, investieren dafür sehr viel Geld, nutzen sie aber in relativ engen Bereichen und lassen weitere Nutzungsrechte außer Acht. Wenn wir diese Informationen ein bisschen kreativer einsetzen würden, und etwa mit anderen Informationen kombinieren würden, wäre es ein schon ein Fortschritt. Als Beispiel: Man könnte ein Gesundheitsversorgungsnetz für Niederösterreich designen.

ORF.at: Sprechen Sie hier jetzt von öffentlichen oder privaten Datenanbietern?

Staufer-Steinnocher: Die öffentlich-rechtlichen Datenanbieter haben einen Gesetzesauftrag, den sie zu erfüllen haben, und sie liefern hochpräzise und hochqualitative Daten, die auch ihren Preis haben. Da muss man sich fragen, ob die Preisbildung und die Abgabebedingungen noch zeitgemäß sind, wenn man bedenkt, dass diese Daten ja mit Steuergeldern gesammelt werden. In den USA muss man beispielsweise für alles, was mit öffentlichen Geldern gesammelt wird, nur noch die Produktionskosten bezahlen. Das wäre auch hier wünschenswert, dass man nur noch für die Ver- und Bearbeitung bezahlen müsste. Bei sehr einfachen Online-Lösungen könnte es auch ruhig kostenfrei sein.

ORF.at: Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Staufer-Steinnocher: Es wäre hier notwendig, von politischer Seite etwas zu tun, auch dass sich die verschiedenen Anbieter miteinander verständigen. Es fehlt eine Standardisierung, eine Geodateninfrastruktur. Dafür bräuchte es politische Zusagen, Unterstützungen, auch finanzielle, damit die nachgeordneten Dienststellen ihre Daten auch so aufbereiten und abgeben können, dass sie für Unternehmen nutzbar werden. Man müsste dazu auch Inhalts- oder Metadatenverzeichnisse erstellen. Solche E-Portale zu erstellen, bedeutet natürlich einen Aufwand. Dieser ist aber im Vergleich zu den Entstehungskosten der Daten relativ gering. Allerdings hat man davon halt nicht sofort einen Nutzen, sondern erst in Folge. Wenn es diese Lösungen gäbe, dann können Unternehmen auf diese Informationen zugreifen und man könnte danach den Preis regeln. Wenn die Daten gut sind, dann bezahlen die Unternehmen natürlich.

ORF.at: Sie als Wissenschaftlerin bekommen doch zu Forschungszwecken sicher einfacher Zugang zu öffentlichen Daten?

Staufer-Steinnocher: Wenn man mit den zuständigen Stellen spricht und gut vernetzt ist, kann man natürlich Forschungslizenzen bekommen. Die Preise sind dann niedriger. Man bekommt die Daten um 70 bis 80 Prozent des normalen Preises. Allerdings gilt das nur für Eigenforschung. Ein Problem haben wir immer dann, wenn wir ein Pilotprojekt für ein Unternehmen machen, weil dann wird das Pricing extrem schwierig. Sobald ein Unternehmer der Auftraggeber ist, dürfen wir die Daten, die wir für Forschungslizenzen bekommen haben, nicht nutzen. Dann müssen wir mit den Datenprovidern andere Nutzungsmodalitäten aushandeln.

ORF.at: Machen Sie denn viel Auftragsforschung?

Staufer-Steinnocher: Es kommt immer wieder vor. Wir kooperieren mit Unternehmen über Projekte, über Datenpartnerschaften, über Pilotprojekte, aber auch so, dass wir gemeinsame Projektseminare machen. Die Studierenden, die sich in einer Thematik einarbeiten, werden von der Unternehmensseite begleitet. Das hat für beide Vorteile. Die Unternehmen können sich ihre potenziellen Mitarbeiter anschauen, und wir können wirklich reale Problemstellungen bearbeiten. So gibt es einen Know-how-Transfer auf beiden Seiten.

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(futurezone/Barbara Wimmer)