TV-Spam frisst das Internet
Das waren noch Zeiten, als wir uns vor der ZIB auf den Werbeblock gefreut haben. Heute gibt es das Internet, und Werbung gilt als uncool. Dabei geht es erst los.
Die Ewiggestrigen schlagen sich immer noch mit der Frage herum, wie denn die Welt durch ein iPhone gesehen wirkt. Ihnen sei gesagt: Klein, klein sieht sie aus. Und wer es nicht glaubt, der kann das hier simulieren.
Für den Rest von uns ist die Welt größer, viel größer. Leider gibt es dort auch üble Phänomene. Und die hat uns Neues gelehrt. Zum Beispiel das Wort Spam. Erfolgreich ist Spam nicht wirklich, nur jede 12,5-millionste Spam-Mail wird einen Kauf auslösen. Deswegen muss man die Welt ja auch mit immer mehr Spam überschwemmen. So wird die Inbox zum Wühltisch im digitalen Alltag. Wir überschwemmen alles und jedes und jeden mit Spam. Mail-Server, Menschen mit Menschen in Social Networks auch. Schon jeder 50. Mensch auf der Welt hat einen User-Account bei Facebook. Derart viele Menschen führen derzeit nicht einmal Krieg gegeneinander.
Sozialer Spam soll verkaufen, deshalb ist Facebook werbefinanziert. Und vor diesen Spams rettet uns nicht einmal die Todesstrafe für Hacker. Die gibt es übrigens wirklich. In Pakistan.
Warum ich das sage? Weil die nächste Spam-Generation vor der Türe steht, und YouTube will sie reinlassen. Dabei ist der Beelzebub ein alter Teufel. TV-Ads, kennen wir. Wenn MGM auf YouTube in Zukunft Filme zeigen will, dann nicht aus purer Google-Freude. Das Angebot - leider nur für die Menschen im Obama-beglückten Teil Nordamerikas - wird TV-Werbeblöcke beinhalten, um es zu finanzieren. Damit beginnt eine Flut, gegen die die l’Oreal-Welle auf RTL und Pro7 sich ausnimmt wie Fräulein Clementine als Lapdancer. Jämmerlich.
Ein paar schöne Techniken sollen helfen, das Spiel in Zukunft auch noch eine Runde weiter zu drehen. Eher banal: Dapper will mit Mashup-Ads die richtige Werbung an den richtigen Content kleben. SmartAd hilft sogar dabei, die Spots in die richtige Bildposition bei Online-Filmen zu rücken. Irgendwohin müssen die Augen bei einem Video ja schauen, warum also nicht auf eingeblendete Werbung. Ist doch alles für die Finanzierung, das darf man nicht persönlich nehmen.
Und wenn es wirklich noch jemand wagen sollte, auch nur zum Zwecke eines "Finde ich richtig schlecht" MTV-Clips oder TV-Ausschnitte auf MySpace zu laden, dann findet Auditude den Schnipsel und pappt eine Werbung von MTV und einen Verweis auf das Kaufvideo oder anderen Schmonzes dazu. Das ist ja fast so, als würden alle von Autos überfahrenen Waldtiere in Zukunft automatisch Reifenwerbung aufgeklebt bekommen. Wegkratzen war mir sympathischer.
Das sind nur einzelne Beispiele einer Welle, die wir alle selbst losgetreten haben. Wenn man schon immer mehr Online-Filme zu sich nimmt, dann darf man sich nicht wundern, dass die auch finanziert werden wollen. Nicht persönlich, eben.
Also lieber noch alles nur Mögliche aus Apple TV rausholen. Den Teufel mit dem Beelzebub verheiraten. Das macht die beiden richtig fertig. Und dann kann man rund um die Uhr in Zukunft Online-Ads in Online-Filmen anschauen, die über Inserts direkt über die Videos gelegt werden, personalisiert natürlich. Persönlich? Mitnichten.
Und wenn das Ganze erst in die dritte Dimension geht, dann weiß man am Schluss gar nicht mehr, wo einem der Kopf steht, dann finden sich vermutlich wieder Bierwerbungen hinter jedem nackten Hintern auf YouPorn. Bloß nicht um die Rundung schauen.
Insofern ist es nur konsequent, wenn man wirklich persönlich wird im Netz und eine personalisierte Videoempfehlungswebsite startet. Dabei nämlich kann es sich nur um Werbung handeln. Transparent, aus, fertig.
(Harald Taglinger)
