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Telekom greift nach ISPA-Vorsitz

kopf an kopf
12.11.2008

Bei der Vorstandswahl der Internet-Provider steht am Donnerstag eine Richtungsentscheidung bevor. Zum ersten Mal hat die Telekom Austria (TA) gute Chancen, den Präsidenten der ISPA zu stellen, die seit Jahren im Clinch mit der TA liegt. Wie eine Umfrage von ORF.at ergab, sieht es nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen alternativen Anbietern und der TA aus.

Mit einiger Spannung wird die Abstimmung über einen neuen Vorstand des Verbands der Internet-Service-Provider (ISPA) sowie einen neuen Präsidenten auf der Generalversammlung erwartet.

Die beiden Kandidaten für die Präsidentschaft repräsentieren zwei verschiedene Lager: Andreas Koman von Tele2 steht für die immer stärker in Bedrängnis geratenden alternativen Zugangsprovider, Wolfgang Schwabl hingegen vertritt Marktführer Telekom Austria bzw. dessen Tochter mobilkom.

Knapp, mögliches Novum

Über diese zweifellos richtungsweisende Abstimmung ließ sich am Mittwochabend nur eines sagen: Nach Ansicht aller von ORF.at dazu befragten ISPA-Mitglieder wird es sehr, sehr knapp.

Sollte die Telekom Austria, der die ISPA in den vergangenen Jahren regelmäßig in offener Konfrontation gegenüberstand, erstmals in der zehnjährigen Verbandsgeschichte die Präsidentschaft übernehmen, wäre das in jeder Hinsicht ein Novum.

Mieter und Besitzer

Die Crux ist nämlich, dass es sich bei der TA um jenes ISPA-Mitglied handelt, das mit Riesenabstand zu den anderen Mitgliedern über weitaus den größten Anteil an der Infrastruktur insgesamt verfügt.

Mit diesem Ungleichgewicht hat die ISPA bis jetzt leben müssen, vergleichbar einem Interessenverband, der sowohl die Interessen eines übermächtigen und mehrerer kleinerer Hausbesitzer als auch von deren Mietern vertreten soll.

Kein Geriss

Wie zu erfahren war, hat sich die Telekom Austria auch nicht wirklich darum gerissen, die ISPA-Spitze selbst zu stellen. Die TA wäre auch bereit gewesen, die Kandidatur Schwabls zugunsten eines Kompromisskandidaten zurückzuziehen, hieß es.

Kolportiert wurde dabei der Name Nikolaus Futter (Compass Verlag), ein Internet-Pionier der ersten Stunde und als Vertreter der deutlich unterrepräsentierten Service- und Content-Provider sozusagen parteilos in der Auseinandersetzung der alternativen Zugangsprovider mit der Telekom.

Ein Mann des Ausgleichs wie Futter an der ISPA-Spitze sei in Anbetracht der momentan schwierigen Lage der Alternativen nicht ganz das richtige Signal, hieß es von dieser Seite.

Der Rückfall

Österreich ist im März 2008 EU-weit beim Breitbandwachstum auf Rang 21 von 25 zurückgefallen. Für kleinere Provider im Internet-Zugangs- und Telefoniebereich sind harte Zeiten angebrochen, eine Konsolidierung der Branche liegt in der Luft. Das "Besetztzeichen beim Fortschritt" ist nach Ansicht der alternativen Provider durch die Regulierungsbehörde hausgemacht.

Der letzte Stand

Damit blieb es für Donnerstag bei der ganz oben beschriebenen Konstellation vor der Wahl, für einen Kandidaten entschieden haben sich keineswegs noch alle ISPA-Mitglieder.

Der allgemeine Konsens ist, dass es so wie bisher möglichst nicht weitergehen soll. Zum einen hatte die ISPA - in deren Vorstand auch jetzt bereits zwei Vertreter der TA sitzen - bis dato stets und zuweilen heftig Kritik an Telekomregulator Georg Serentschy geübt. Der Vorwurf lautete, dass Serentschy in seinen Entscheidungen einseitig die Telekom begünstige.

Dass dieses von Prozessen unter den Bewerbern begleitete Dreieck permanenter Spannungen um Regulator, Ex-Monopolist und Interessenvertretung aller übrigen "Marktbegleiter" der Entwicklung des Gesamtmarkts so gar nicht dienlich ist, wissen jedoch alle beteiligten Seiten.

Die Einwände

Wie eine Lösung für dieses Unverhältnis aussehen soll, daran scheiden sich dann die Geister. Einerseits heißt es, dass man dem größten Internet-Zugangsprovider Österreichs ja wohl nicht verwehren könne, für die ISPA-Präsidentschaft zu kandidieren.

Zum anderen, wendet einer der noch unentschiedenen Provider-Vertreter ein, sei der ISPA-Präsident ja nur "Erster unter Gleichen". Seit Menschengedenken habe noch nie ein Präsident sein Dirimierungsrecht eingesetzt, das ihm laut Statuten zustehe - dieses Recht gibt dem Präsidenten bei Pattsituationen in Abstimmungen die entscheidende Stimme. Zudem seien schon jetzt zwei Vertreter der TA im ISPA-Vorstand gesessen.

Mit dem Rücken zur Wand

In dieser Zeit habe es einen mehrheitlichen Vorstandsbeschluss der ISPA gegeben, ein Gutachten über eine Trennung von Infrastruktur und Services der TA in Auftrag zu geben. Plötzlich sei das Thema Gutachten dann wieder vom Tisch gewesen und nicht mehr aufgetaucht, kritisierte eine weitere Stimme aus der Provider-Szene.

Und: Wenn nun die Telekom mit ihrer Marktdominanz und Nähe zur Aufsichtsbehörde RTR auch noch den ISPA-Vorsitz übernähme, stünden die Alternativen mit dem Rücken direkt zur Wand.

Angesichts der jüngsten Zahlen des Markts mit Breitbandanschlüssen - 43 Prozent DSL, 30 Prozent Mobilfunk, 24 Prozent Kabel - laufe der Markt für Internet-Zugänge auf ein Oligopol aus TA, Mobilfunkern und UPC Telekabel hinaus.

Und wieder das Festnetz

Was die Abstimmung am Donnerstag angeht, so lassen es die Statuten der ISPA durchaus zu, dass zusätzlich den beiden bekannten ad hoc ein weiterer Kandidat antritt.

Warum die Telekom Austria bzw. die mobilkom nicht wirklich daran interessiert war, unbedingt an der ISPA-Spitze ganz oben aufzutreten, erklärt die Situation im Festnetz.

Kündigungswelle

Hier hat man ein weitaus größeres Problem, denn der Kundenabfluss - Kündigung der Telefonanschlüsse - schreitet Tag für Tag weiter voran.

Die einzige Möglichkeit, den Verfall der Festnetzanschlüsse zu stoppen, ist für die Telekom, neue Breitband-Kombinationspakete anzubieten.

Der Spielraum

Für Reseller von Internet-Zugängen via Festnetz ist damit praktisch kein Spielraum mehr gegegeben, um selbst kostendeckend Services anzubieten.

Für Provider wie Silver Server, die in Wien über ein ansehnliches Netz samt Glasfaserring verfügen, ist es wiederum immer schwieriger, österreichweite Ausschreibungen etwa für Filialvernetzungen wahrzunehmen.

Da die RTR mittlerweile die Ballungsräume von der Breitbandregulierung ausgenommen hat, ist die TA dort nicht mehr verpflichtet, einen Anschluss der "letzten Meile Kupferkabel" an einen alternativen Anbieter abzugeben, der das betreffende Wählamt noch nicht entbündelt hat, .

Paradoxerweise, denn das passiert, obwohl Monat für Monat Tausende Festnetzleitungen ersatzlos gekündigt werden.

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(futurezone/Erich Moechel)