"Konzerne kontrollieren Kreativität"

08.09.2008

Harvard-Rechtsprofessor Yochai Benkler untersucht, wie Informationstechnologien neue Formen kultureller Produktion ermöglichen und Kultur und Wirtschaft verändern. ORF.at hat mit Benkler bei der Ars Electronica über die gemeinschaftliche Produktion in digitalen Netzwerken und über den Widerstand der Medienindustrie gegen die neuen Produktionsweisen gesprochen.

Das Prinzip "Das gehört mir, und du kannst es nicht haben", wie es von Teilen der Medienindustrie praktiziert werde, sei mit dem neuen digitalen Umfeld der Produktion von Kultur und Information nicht mehr vereinbar, sagte Benkler am Freitag beim Symposion "A New Cultural Economy" auf der Linzer Ars Electronica.

Die Kosten für Produktion und Vertrieb von kulturellen Gütern seien mit dem Internet radikal gesunken, das Feld der Teilnehmer an der kulturellen Produktion habe sich radikal erweitert. Dadurch seien neue offene Produktionsweisen entstanden, die auf dem Teilen von Ressourcen basieren: "Diese Produktionsweisen führen nicht nur zu einer transparenteren und vielfältigeren Kultur. Sie verändern auch die Wirtschaft", sagt Benkler: "Innovationen kommen heute von überall."

Unternehmen könnten von der dezentralisierten Organisation der kulturellen Produktion profitieren. Sie müssten sich jedoch dem neuen Umfeld anpassen und offener werden. Die traditionelle Industrie versuche jedoch auch, institutionelle und rechtliche Barrieren für gemeinsame Produktionsweisen zu schaffen. Dabei gehe es um die Zukunft unserer Demokratie und Wirtschaft, meint Benkler: "Wir dürfen ihnen nicht die Kontrolle über Kreativität und Innovation im 21. Jahrhundert überlassen."

Yochai Benkler

Yochai Benkler lehrt an der Harvard Law School und ist Kodirektor des Berkman Center for Internet & Society. In seinem Buch "The Wealth of Networks", das unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht wurde und auch im Netz verfügbar ist, kartografiert Benkler das Potenzial neuer dezentralisierter Produktionsweisen: "Wir befinden uns in der Mitte eines technologischen, ökonomischen und organisatorischen Transformationsprozesses, der uns die Neudefinition von Freiheit und Produktivität in der Wissensgesellschaft erlaubt."

ORF.at: Wie haben die neuen gemeinschaftlichen Produktionsweisen die Kultur verändert?

Benkler: Das Feld der Leute, die an der Produktion von Information und Kulturgütern mitwirken können, hat sich radikal erweitert. Das industrielle Modell der Informationsproduktion, das im 19. Jahrhundert begonnen hat, setzte hohe Kosten für die Produktion und den Vertrieb kultureller Güter voraus.

Mit der gesteigerten Mobilität und dem Rundfunk wurden auch die Vertriebsmöglichkeiten erweitert. Es haben sowohl die Kosten als auch die Reichweite zugenommen. Wer genügend Kapital hatte, um ein effektives Produktions- und Vertriebssystem zu schaffen, konnte auch bestimmen, wer was zu wem mit welcher Autorität sagt.

Das Internet hat zu einer Umkehrung der Kapitalstruktur geführt. Wir haben heute eine Milliarde Menschen, die über die Mittel verfügen, Informationen zu produzieren, zu speichern und in Umlauf zu bringen. Die neuen produktiven Gemeinschaften brauchen weder ein Geschäftsmodell noch proprietäre Rechte, um an der Kulturproduktion teilzunehmen. Das hat zu vielfältigen Perspektiven und Ausdrucksweisen geführt, zu einer neuen Form der Volkskultur. Die Leute verwenden ihre Ausrüstung dazu, um ihre Geschichten so zu erzählen, wie sie es für richtig halten.

ORF: Welche Auswirkungen hat das auf die Wirtschaft?

Benkler: Innovation kommt heute aus allen möglichen Richtungen. Zuvor kamen Innovationen vorwiegend aus Unternehmen und waren marktgetrieben. Heute sehen wir, das wichtige Innovationen von der Peripherie kommen. Zum Beispiel Wiki-, Blogging- und Peer-to-Peer-Software. Innovationen finden heute nicht mehr nur innerhalb eines Unternehmens oder innerhalb der Grenzen des Copyright- und Patentsystems statt. Sie entwickeln sich aus sozialer Interaktion und Zusammenarbeit.

Für Unternehmen entsteht so eine neue Konkurrenz. Die Musikindustrie muss sich etwa mit Peer-to-Peer-Filesharing auseinandersetzen. Gleichzeitig entstehen für Unternehmen auch viele Gelegenheiten. So hat sich Google etwa Blogger einverleibt. Auch Googles Pagerank definiert Relevanz in erster Linie dadurch, was für die Leute interessant ist.

ORF.at: Die neuen Produktionsweisen stellen auch traditionelle Geschäftsmodelle infrage, die auf dem Copyright basieren. Wo kommt Peer-Produktion dem Copyright ins Gehege?

Benkler: Grundsätzlich geht Copyright davon aus, dass es ein Geschäftsmodell gibt, mit dem aus der Produktion von Information und Kulturgütern Nutzen gezogen werden kann. Dieses Modell basiert auf Exklusion und der Bezahlung kultureller Güter. Das ist aber bei weitem nicht das einzige Modell.

Zwei Drittel der Umsätze der Software-Industrie werden etwa mit Dienstleistungen generiert, die nicht vom Copyright abhängen. Im Musikgeschäft machen vorwiegend die Labels ihr Geld mit Copyright. Musiker verdienen ihr Geld weitgehend mit Live-Auftritten, die mit Copyright nichts zu tun haben. Als Peer-to-Peer-Netzwerke das System der Kopie ins Wanken brachten, geriet die Tonträgerindustrie in die Krise. Die Künstler haben heute mehr Möglichkeiten als je zuvor.

Hollywood und die Tonträgerindustrie setzen hingegen alles daran, das Copyright auszuweiten. Sie sind mit der Art und Weise, wie sie ihr Geld verdienen, vollauf zufrieden und wollen so lange wie möglich daran festhalten.

Nun ist zwar das Problem der Infrastrukturkosten für die Kulturproduktion durch die digitalen Technologien gelöst. Die Leute dürfen jedoch Inhalte aus dem bestehenden kulturellen Universum der letzten hundert Jahre nicht verwenden, um neue Inhalte zu kreieren. Wenn es nicht erlaubt ist, selbst kleine Teile aus Songs und Filmen zu verwenden, dann haben wir ein Problem, denn Information entsteht aus Information und Kultur entsteht aus Kultur.

Je mehr das Copyright ausgeweitet wird und die Schutzfristen verlängert werden, desto teurer und schwieriger ist es für jeden, der nicht das für die Copyrights maßgeschneiderte Geschäftsmodell verfolgt, bestehende Materialien zu nutzen. Im Wesentlichen geht es also darum, dass ein veraltetes Geschäftsmodell über ein ökonomisches, soziales und kulturelles Umfeld gestülpt wird, das dieses Modell längst nicht mehr braucht.

ORF.at: Die neuen Formen der kulturellen Produktion stoßen auch auf anderen Ebenen auf Widerstand. In Ihrem Buch "The Wealth of Networks" nennen Sie das den "Kampf um die institutionelle Ökologie der digitalen Umwelt". Auf welchen Ebenen findet dieser Kampf statt?

Benkler: Die Industriegiganten des 20. Jahrhunderts werden nicht einfach verschwinden. Sie versuchen, institutionelle und rechtliche Barrieren für gemeinschaftliche Produktionsweisen zu schaffen und sich die Kontrolle über unsere Kommunikationsmittel zu bewahren.

Eine Ebene ist etwa die Regulation der Telekommunikation. Dabei geht es um den Grad, zu dem etablierte Netzbetreiber bereit sind, ihre Netzwerke auch für die Konkurrenz zu öffnen, um Wettbewerb zu ermöglichen. Es geht auch um die Frage, ob alle Daten gleich behandelt werden, also um die Netzneutralität. Die Kernfrage dabei ist, inwieweit Unternehmen, denen heute die Netze gehören, kontrollieren können, wer was zu wem sagen kann.

Es geht auch um die Frage der Kontrolle der Endgeräte - ob sie offen sind, oder ob sich ein Trusted-Computing-Modell durchsetzt, das für Unternehmen, die ihre Dokumente absichern wollen, sicherlich Vorteile bringt. Für Endnutzer ist es wichtig, dieses System nicht zu haben.

Daneben gibt es die Fragen von Standards und Software. Etwa die Frage, ob Software so gestaltet sein soll, dass sie etwa von Rechteinhabern kontrolliert werden kann, die ihre Inhalte schützen wollen.

ORF.at. Was steht dabei auf dem Spiel?

Benkler: Dabei steht die Zukunft unserer Wirtschaft und unserer Demokratie auf dem Spiel. Einer von einem zentralistischen Modell dominierten Öffentlichkeit steht das Potenzial einer offenen vernetzten Öffentlichkeit entgegen, die gerade im Entstehen ist.

Es stellt sich die Frage, ob wir Unternehmen, die im 20. Jahrhundert dominant waren, auch im 21. Jahrhundert Innovationen und Kreativität kontrollieren sollen. Ich halte das für eine schreckliche Idee.

ORF.at: Einige Unternehmen schaffen mit nutzergenerierten Inhalten enorme Werte. YouTube wurde etwa für 1,6 Milliarden Dollar an Google verkauft. Während die Gründer nun reich sind, haben die Nutzer keinen Cent bekommen. Entsteht dabei nicht ein wirtschaftliches Ungleichgewicht?

Benkler: Ich glaube, es ist weniger eine Frage des wirtschaftlichen Ungleichgewichts als eine Frage der Fairness. Unternehmen, die gemeinschaftliche Produktionsweisen und Peer-Produktion nutzbar machen, müssen sehr darauf achten, was von ihren Usern als fair erachtet wird.

Die Abmachung mit den Nutzern läuft bei vielen dieser Dienste darauf hinaus, dass die Unternehmen den Usern eine Plattform anbieten, die ihnen Teilnahme erlaubt und ihr Leben bereichert. Natürlich machen die Unternehmen das nicht zum Allgemeinwohl. Sie wollen damit Geld verdienen. Wenn das von beiden Parteien akzeptiert wird, sehe ich dabei kein Problem.

Daneben gibt es auch Unternehmen, die ihre User an den Einnahmen aus ihren Services beteiligen. Aber ich glaube, dass die meisten Leute diese Dienste nicht deshalb nutzen, weil sie damit Geld verdienen wollen. Sie nutzen diese Dienste, weil sie ihnen die Möglichkeit geben, Dinge zu tun, die sie vorher nicht tun konnten.

ORF.at: Bei vielen dieser kommerziellen Dienste entstehen auch kumulierte intellektuelle und soziale Werte. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Ein gespeichertes Lesezeichen auf der Social-Bookmarking-Plattform del.icio.us ist vielleicht nicht weiter bemerkenswert. In Verbindung mit anderen Einträgen entsteht dabei jedoch weit mehr. Der Blogger und Journalist Jeff Jarvis hat bereits vor längerem die Frage aufgeworfen, wem die Weisheit der vielen eigentlich gehört.

Benkler: Die Antwort darauf kann nur sein, dass diese sozialen und intellektuellen Werte natürlich den vielen gehören. Wir haben noch nicht ausreichend Mechanismen, die glaubwürdige Verpflichtungen von Unternehmen in diesem Bereich sicherstellen. Es ist aber wichtig, die sozialen und kulturellen Werte vom kommerziellen Wert zu trennen.

Im Bereich der gemeinschaftlichen Produktion von Software ist das durch freie und Open-Source- Lizenzen gelöst. Dadurch wird sichergestellt, dass jeder Zugriff auf das gemeinsame Werk hat. Im kulturellen Bereich beschäftigen sich Creative-Commons-Lizenzen mit diesen Fragen. Es ist aber notwendig, weitere institutionelle und technische Mechanismen zu schaffen, die sicherstellen, dass wir auf Dinge, an deren Entstehen wir mitgewirkt haben, zugreifen und sie kontrollieren können.

Das betrifft auch soziale Werte. So ist es heute etwa nicht möglich, Reputationen, die man auf einer Plattform erworben hat, auf eine andere zu transferieren. Es gibt noch keine portablen Reputationssysteme und Online-Identitäten. Auch dafür werden wir Lösungen finden müssen.

Zum Thema:

(futurezone | Patrick Dax)