Die Produktivität der Gemeinschaft

05.09.2008

Zum Auftakt des Festivalsymposiums der diesjährigen Ars Electronica, die sich den Grenzen des geistigen Eigentums widmet, wurden neue Produktionsweisen im digitalen Zeitalter diskutiert.

Wer heute auf Google nach Informationen zum Thema "Viking Ships" [Wikingerschiffe] suche, dem würden in der Ergebnisliste zunächst eine Link-Sammlung und Essays eines Lehrers sowie ein Wikipedia-Eintrag präsentiert. Lediglich ein kleiner Teil der von der Suchmaschine ausgewiesenen Ergebnisse verweise auf kommerzielle Seiten. Viele der Inhalte würden von interessierten Nutzern zusammengestellt, miteinander verlinkt und seien frei zugänglich.

Mit solchen und ähnlichen Beispielen veranschaulicht Harvard-Rechtsprofessor Yochai Benkler gerne die durch digitale Netzwerke ermöglichten neuen Produktionsweisen von Information. Benkler nennt die radikal dezentralisierte Organisation der kulturellen Produktion, die auf dem Teilen von Ressourcen unter lose verbundenen Individuen basiert, "commons-based peer production".

"Ins Zentrum gerückt"

"Gemeinschaftliche Produktionsweisen sind von der Peripherie ins Zentrum gerückt und längst ein wesentlicher kultureller und ökonomischer Faktor geworden", sagte Benkler am Freitag zum Auftakt des zweitägigen Festivalsymposiums der Ars Electronica. Unter dem Titel "A New Cultural Economy" diskutieren in Linz noch bis Samstag Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten über Möglichkeiten, wie Unternehmen, Gesellschaft und Politik an das neue paritizipative Umfeld andocken können.

Bei den Diskussionen wolle man der Komplexität der Thematik gerecht werden und auf binäre Debatten - etwa Hollywood vs. Piraten - verzichten, sagte Symposiumskurator Joi Ito. Stattdessen solle das kulturelle und wirtschaftliche Potenzial der Peer-Produktion veranschaulicht werden.

ORF.at hat Ito im Vorfeld der Ars Electronica zur Kultur des Teilens, ihrer Bedrohung durch die traditionelle Medienindustrie und den Grundlagen einer neuen kulturellen Ökonomie befragt.

Neue Bedeutungen für alte Inhalte

Durch die vernetzte Produktivität würde die traditionelle Medienindustrie unter Druck geraten, sagte Benkler. Sie müsse sich den neuen Formen der Peer-Produktion öffnen.

Vorhande Materialien würden aufgegriffen, bearbeitet und mit neuen Bedeutungen versehen, so Benkler. Aufgrund rigider Copyright-Bestimmungen lasse sich die Missachtung von Gesetzen dabei nicht vermeiden.

Ein ausführliches Interview mit Benkler erscheint demnächst in der Futurezone.

"Die Leute wollen gehört werden"

"Die Leute machen das, weil sie sich ausdrücken wollen, weil sie gehört werden wollen und weil sie es lieben", sagte Ito. Das müsse auch die Medienindustrie erkennen und Modelle entwickeln, die den Fans das Bearbeiten und Teilen ihrer Inhalte ermögliche, anstatt solche Praktiken zu kriminalisieren.

"Amateure", die durch die im 20. Jahrhundert dominante industrielle Form der Informations- und Kulturproduktion aufgrund der hohen Kosten weitgehend ausgeschlossen waren, würden heute aktiv an der kulturellen Produktion teilnehmen.

Die Furcht vor dem Tod

Kultur bestehe nicht nur aus dem Konsum, sagte der Open-Source-Pionier Michael Tiemann, der mit Cygnus Solutions 1989 das erste Open-Source-Software-Unternehmen gegründet hatte und heute in der Führungsetage von Red Hat Linux sitzt.

Tiemann konnte sich einen Seitenhieb auf die Musikindustrie nicht verkneifen: "Manche Leute fürchten den Tod so sehr, dass sie dafür die Geburt opfern." Die Musikindustrie könne von Open-Source-Software einiges lernen, indem sie ihre Kunden zum Handeln ermächtige, mahnte Tiemann.

In Linz stellte Tiemann sein Projekt Manifold Recording vor, mit dem er ein Umfeld für hochwertige partizipative Medienproduktionen schaffen will.

Freier Informationsfluss

Tim Pritlove vom deutschen Chaos Computer Club [CCC] verwies als Beispiel für den freien Austausch von Informationen auf die Hacker-Community. Für Hacker sei der freie Fluss von Informationen zentral. Es gehe um Partizipation und Zusammenarbeit. Der Chaos Computer Club habe sich in Deutschland so die Stellung einer vertrauenswürdigen Instanz bei Fragen im Zusammenhang mit Überwachungstechnologien erarbeitet.

Pritlove kündigte auch eine Wiederaufnahme des CCC-Projekts Blinkenlights an, das Anfang des Jahrtausends das Haus des Lehrers am Berliner Alexanderplatz in ein interaktives Display verwandelte, das mit Hilfe von Mobiltelefonen bespielt werden konnte. Demnächst soll Blinkenlights im kanadischen Toronto wieder aktiviert werden. Animatoren und Programmierer für das Projekt werden gesucht.

Die dabei verwendete Software und das eingesetzte Hardware-Design soll ebenso wie auch schon bei der Premiere des Projekts in Berlin frei verfügbar sein. Mittlerweile gebe es einige Blinkenlights-Replikas, so Pritlove.

Open Source für Linz

Wie sich der freie Zugang zum Wissen auf lokaler Ebene verwirklichen lässt, untersucht seit längerem die Initiative Wissensraum Linz. Man habe sich eine Reihe von Projekten überlegt, sagte Leonhard Dobusch, der gemeinsam mit Mitstreitern die Vorschläge präsentierte.

Einer davon könnte bereits Anfang 2009 verwirklicht werden. Dann sollen in Linz Künstler, die ihre Arbeiten unter einer freien Lizenz veröffentlichen, mit höheren Fördersummen bedacht werden. Ein Gemeinderatsbeschluss sei in Vorbereitung so Dobusch.

Daneben macht sich die Initiative auch für die freie Software in der Stadtverwaltung und im Bildungsbereich stark, setzt sich für einen Ausbau von öffentlichen Funknetzen ein und fordert für jeden Bürger ein Stück kostenlosen Webspace von der öffentlichen Hand.

Ideen für den Wissensraum Linz wurden in dem 2006 veröffentlichten Band "Freie Netze. Freies Wissen" gesammelt.

Warnung vor zu viel Euphorie

Zum Schluss des ersten Symposiumstages warnte die grüne EU-Abgeordnete Eva Lichtenberger aus dem Publikum vor allzu viel Euphorie angesichts der Möglichkeiten vernetzter kultureller Produktion. Im EU-Parlament sei man derzeit mit den Wünschen der Medienindustrie konfrontiert, und die habe ganz andere Ziele.

In Brüssel würden derzeit Internet-Sperren für Nutzer diskutiert, die wiederholt das Urheberrecht verletzen. Viele Abgeordnete würden sich für solche Systeme aussprechen, so Lichtenberger: "Die Politik hinkt den tatsächlichen Vorgängen hinterher."

Mehr zur Ars Electronica:

(futurezone | Patrick Dax)