"Wer nicht offen ist, stirbt aus"

21.08.2008

Die diesjährige Ausgabe des Linzer Festivals für Kunst und Technologie, Ars Electronica, widmet sich mit einem dichten Veranstaltungsprogramm der Frage nach der Neuordnung des geistigen Eigentums.

"Es ist dringend notwendig, den Bereich des Urheberrechts, des Copyrights und der Patente neu zu ordnen, denn die dafür gültigen gesetzlichen Grundlagen stammen aus dem vergangenen Jahrhundert", sagte Gerfried Stocker, künstlerischer Direktor der Ars Electronica, bei der Präsentation des diesjährigen Festivalprogramms am Donnerstag in Wien. Durch die Entwicklung der digitalen Medien sei die ökonomische Grundlage des Marktes zusammengebrochen, so Stocker: "Das Zeitalter von Copyright und geistigem Eigentum ist abgelaufen."

Der freie Zugang zu Ideen müsse als entscheidendes Grundrecht des 21. Jahrhunderts postuliert werden, forderte Stocker. Auf der Ars Electronica, die Anfang September in Linz stattfindet, sollen neue Modelle, Ideen und Visionen des Umgangs mit Information in der Wissensgesellschaft vorgestellt werden. Es gehe darum, so schnell wie möglich neue Ordnungen und auch wirtschaftlich nachhaltige Regelsysteme zu schaffen.

Neue Ökonomie der Kultur

Wie eine solche neue kulturelle Ökonomie aussehen könnte, soll beim zweitägigen Themensymposium im Brucknerhaus diskutiert werden, das vom Risikokapitalgeber und Creative-Commons-Geschäftsführer Joi Ito kuratiert wurde.

Dort wird unter anderem der US-Rechtsprofessor und Autor Yochai Benkler ["The Wealth of Networks"] erläutern, wie kollaborative Produktionsweisen Märkte verändern und neue Freiheiten schaffen. Weitere Gäste sind unter anderen Michael Tiemann von der Open Source Initiative und Red Hat Linux, Ronaldo Lemos von Overmundo, der größten Web-2.0-Initiative in Brasilien, der Medienkünstler Jonah Bruckner-Cohen, der chinesische Blogging-Pionier Isaac Mao und der Autor David Weinberger ["Cluetrain Manifesto", "Everything is Miscellaneous"].

Offene Industrien

Brücken zur Wirtschaft wird die Initiative "Mission Future" schlagen, die unter dem Motto "We are open" aufzeigen will, welche Modelle der Ökonomie des Teilens es schon heute gibt und wie sich traditionelle Firmen und Marken verändern.

Das Erfolgsgeheimnis von Projekten und Unternehmen von der Wikipedia bis hin zu Sun Microsystems sei, dass sie nach dem Open-Source-Prinzip funktionieren, sagte Christoph Santer von Mssion Future: "Wer nicht offen ist, stirbt aus."

Am Montag, dem 8. September, werden sich rund 300 Visionäre und Vordenker im Audimax der Linzer Kunstuniversität versammeln, um sich über die Zukunft der Ökonomie auszutauschen. Mit dabei sind unter anderen Constantin Gonzales [Sun Microsystems], John Hormann [ehemals bei IBM], Lars Hinrichs [Xing], Pim Betist [Sellaband] und Mathias Holzmann von Play&Build.

Daten zum Mitnehmen

Dass die Thematik des geistigen Eigentums nicht nur Experten betrifft, sollen Projekte im öffentlichen Raum aufzeigen. Auf dem Linzer Pfarrplatz und Hauptplatz werden etwa im Rahmen der Aktion Take Away [Data to go] Infopakete in Terabyte-Größe verteilt, die "legal" aus dem Internet geladen wurden. "Damit wollen wir aufzeigen, wie umfassend das frei zugängliche Wissen im Netz eigentlich ist", sagte Ars-Produktionsleiter Martin Honzik.

Eingestampfte Markenmode

Am Samstag, dem 6. September, werden in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Zoll mehr als 60.000 Fälschungen von Markenartikeln eingestampft. Markenartikel seien Musterbeispiele für geistiges Eigentum und würden sich hervorragend dazu eignen, die Grenzen gesellschaftlicher und individueller Moralvorstellungen auszuloten, so Stocker: "Ist der Kauf eines gefälschten Gucci-T-Shirts auf einem Basar in Istanbul Diebstahl oder ein Schnäppchen?"

"Medienkunst on Demand"

Den Sharing-Gedanken in der Kultur- und Kunstwelt gehen die Open Framework Labs im Brucknerhaus auf den Grund. Dort können Festivalbesucher ihre Ideen zu einem Kunstwerk umarbeiten lassen. "Medienkunst on Demand", wie Stocker meinte.

Die Ausstellung "Hybrid Ego" präsentiert Arbeiten der Universität von Tokyo und zeigt, wie fruchtbar die Zusammenarbeit von Künstlern und Ingenieuren sein kann. Die Featured Art Scene rückt heuer slowenische Künstler rund um die Kapelica-Galerie in Ljubljana ins Zentrum. Die CyberArts im OK Zentrum werden die Preisträger des Prix Ars Electronica präsentiert.

In Performances sind unter anderen Tosca [Richard Dorfmeister und Rupert Huber] mit der Uraufführung ihres Projekts "no hassel" zu sehen. Der Schweizer Künstler Yan Marussich widmet sich in seiner Performance "Bleu Remix einer der letzten Bastionen des Privaten im digitalen Zeitalter - dem Stoffwechselprozess. Eine Stunde lang wird aus Marussichs Mund, Nase und Hautporen blaue Flüssigkeit austreten.

Die Ars Electronica findet von 4. bis 9. September an verschiedenen Orten in Linz statt. Detailliertes Programm:

(futurezone | Patrick Dax)