Der langsame Zerfall von OLPC

17.05.2008

Die Ankündigung, auch Windows XP auf dem "100-Dollar-Laptop" XO der gemeinnützigen Organisation "One Laptop per Child" [OLPC] anzubieten, hat zu heftigen Reaktionen der Community geführt. Unterdessen lösen sich die Programmierer der XO-Oberfläche Sugar als eigene Organisation von OLPC ab.

Ein Großteil der Entwickler-Community hinter der XO-Oberfläche Sugar fühlt sich nach der offiziellen Ankündigung eines XO-Notebooks mit Windows als Betriebssystem verraten und verkauft.

"Reiner Unsinn"

In einem langen, sehr offenen und direkten Posting wirft etwa der ehemalige Sicherheitschef Ivan Krstic OLPC-Gründer Nicholas Negroponte vor, das eigentliche Ziel von OLPC, Kindern Bildung zu ermöglichen, verraten beziehungsweise von Anfang an nicht wirklich verfolgt zu haben.

Negropontes Ankündigung, dass Sugar auf Windows portiert werden soll, klassifiziert Krstic als "reinen Unsinn". Negroponte habe von Anfang an reine Windows-XP-Notebooks ausliefern wollen, und, um ein PR-Desaster zu vermeiden, Sugar zwar weiterhin, aber nur als Option anbieten wollen. Als es so weit gekommen sei, habe er gekündigt, so Krstic.

Marketing-Instrument für Windows

Dabei ist es Krstic laut eigenen Angaben grundsätzlich egal, ob Sugar unter Windows oder Linux laufe - Hauptsache, die eigentliche Zielgruppe der Kinder habe überhaupt die Möglichkeit, mit Sugar zu lernen. Allerdings sollte Sugar dazu nicht nur auf Windows portiert werden, sondern wenn, dann auf alle verfügbaren Betriebssysteme.

Durch die reine Unterstützung von Windows verkomme der XO zu einem Marketing-Instrument und OLPC verrate seine eigene Philosophie, so Krstic. OLPC solle nicht den "Unsinn" glauben, dass Kinder Windows lernen sollten, um als Erwachsene besser für einen Beruf gerüstet zu sein - Windows sei eine Voraussetzung, weil viele Menschen damit aufgewachsen seien und nicht umgekehrt. Würde eine Milliarde Menschen mit Linux aufwachsen, wäre Linux im Geschäftsleben angesagt.

"Reiner Hardware-Vertrieb"

OLPC werde nun immer mehr zu einem reinen Hardware-Vertrieb, der in Konkurrenz zu Lenovo, Dell, Intel, Apple, Asus und HP stehe. Die aktuelle Strategie habe schon bei anderen derartigen Projekten nicht zum Ziel geführt, und auch OLPC werde auf diesem Weg scheitern, folgert Krstic.

Von Anfang an habe bei OLPC "kriminelles" Missmanagement geherrscht, man sei für den Vertrieb der XOs schlicht nicht vorbereitet gewesen, so ein weiterer Vorwurf.

Sugar spaltet sich ab

Unterdessen betreiben die Entwickler hinter der XO-Oberfläche Sugar eine Abspaltung vom eigentlichen OLPC-Projekt. Zeitgleich mit der Ankündigung von Windows auf dem XO wurde dazu offiziell die Gründung von Sugar Labs bekanntgegeben.

Zusammen mit Walter Bender, bei OLPC einst zuständig für Software und Inhalte, und auch Krstic wollen die Sugar-Entwickler Sugar nicht nur erhalten und weiterentwickeln, sondern auch auf alle möglichen Systeme, unter anderem den Eee PC von Asus, portieren, um damit mehr Kinder zu erreichen.

Notebooks alleine reichen nicht

Es reiche nicht, den Kindern einfach Notebooks in die Hand zu drücken, um ihnen eine optimale Lernerfahrung zu ermöglichen, so die erste Aussendung der Sugar Labs.

Vielmehr müsse die passende Software auf den Notebooks sicherstellen, dass Kinder durch Erforschen, eigenen Ausdruck und Kollaboration das Optimum herausholen können.

Durch seine Unabhängigkeit von jedweder Hardware-Plattform und auch der eigenen, sichere Sugar Labs, dass auch Sugar selbst unabhängig bleibe und die Community an der Entwicklung weiterarbeiten könne.

OLPC Austria steht hinter Sugar

OLPC Austria ist bei Sugar Labs ebenfalls mit an Bord. Bei der sehr aktiven heimischen Community herrscht derzeit Verwirrung ob Negropontes nächsten Plänen, so Simon Dorner gegenüber ORF.at. "Wir wissen selbst nicht, was OLPC noch mit Sugar vorhat. Negroponte hat zwar ein großes Investement in Sugar angekündigt, aber mehr als das wissen wir auch nicht."

Aaron Kaplan, als Gründungsmitglied bei Sugar Labs dabei, hofft, dass mit der neuen Organisation das ursprüngliche Ziel von OLPC weiterhin verfolgt werden kann. "Der Weg wird allerdings ein anderer sein", - welcher genau, könne er aber noch nicht sagen, dazu sei alles noch zu unklar.

Ein Weg aus der Misere sei aber möglicherweise, Sugar eben unabhängig von der Hardware zu entwickeln, wobei er selbst vom Design des XO noch immer überzeugt sei. Allerdings sei auch die nächste Generation des Classmate interessant, und auch Asus bleibe spannend. Negroponte selbst wirft Kaplan einen strategischen Fehler nach dem anderen vor.

OLPC.at werde auf jeden Fall der Idee des PRojekts treu bleiben: Offene Technologien, Plattformen, Software und Inhalte als Bildungswerkzeuge

vor allem, aber nicht nur, für Entwicklungsländer zu entwerfen. Die bisherige Arbeit an Sugar sei dabei eine gute Ausgangsbasis für weitere Entwicklungen.

OLPC Austria wird Sugar am Samstag auch auf den Linuxwochen in Wien präsentieren - und zwar auf 20 XOs sowie einigen Eee PCs. Bereits gezeigt werden konnte, dass Sugar auch auf dem Classmate von Intel läuft, dessen kommerzielle Ausgabe der Eee PC von Asus ist.

"Windows unterwerfen"

Negroponte selbst hat in einer Meldung an die Mailinglisten der Community erklärt, dass Drittanbieter Sugar auf Windows portieren sollen, und dass OLPC selbst dem eigentlichen Ziel, eine offene Lernplattform für Kinder sein zu wollen, verhaftet bleibe. Wer genau Sugar portieren soll, ist derzeit allerdings noch offen.

Um Sugar möglichst vielen Kindern zugänglich machen zu können, müsse sich OLPC bestimmten Anforderungen der weltweiten Bildungsprogramme unterwerfen, darunter den Einsatz von Windows. Durch eine höhere Produktion werde auch der Preis des XO fallen, fügt Negroponte dem, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, noch hinzu.

Richard Stallman, Gründer der Free Software Foundation, hatte erst vor kurzem in einem offenen Brief die FOSS-Gemeinde dazu aufgerufen, den XO vor Windows zu "retten".

Community ist sauer

In den Mailinglisten selbst ist die Stimmung mehr als aufgewühlt: Negroponte habe den Kontakt zur Community verloren, und das Projekt schlicht verkauft, klagen viele.

Durch die Partnerschaft mit Microsoft sei Sugar und damit Linux auf dem XO dem Untergang geweiht, so die Befürchtung, da die Option, beide Betriebssysteme auf dem XO starten zu können, auch mehr kosten soll. Allerdings herrscht bei manchen Punkten noch Verwirrung.

Dual-Boot oder doch nur Windows?

Während Negroponte selbst eine Dual-Boot-Option für den XO verspricht, erklärte Microsoft in einem Blog-Eintrag, dass die ersten XOs nur Windows unterstützen würden und neben den bereits bekannten XOs mit Linux als Grundlage angeboten würden.

In seiner Pressemitteilung hatte Microsoft zudem erklärt, es werde dabei helfen, die Rechner bei Regierungen und NGOs zu bewerben - für welche Version ist wohl keine schwierige Frage.

Im selben Eintrag erklärt der Software-Konzern weiter, dass Windows-Fachleute in Indien und Afrika leichter zu finden sein als welche für Linux - und sie seien auch billiger.

(futurezone | Nadja Igler)