"Die Files sind alle heruntergeladen"

02.02.2008

Zwischen der Gesetzgebung zum geistigen Eigentum und der Nutzungspraxis von Inhalten im Zeitalter der digitalen Massenkultur klafft ein tiefer Graben. Auf der transmediale-Konferenz wurde nach Lösungen gesucht.

"Die Files sind alle heruntergeladen", heißt es in dem im Netz frei verfügbaren Film "Steal this film II". Ein Ausschnitt aus der Dokumentation über die Konflikte rund um das Filesharing war am Freitag im Auditorium des Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen.

Dort wurde bei der Konferenz des Berliner Festivals für Kunst und digitale Kultur, transmediale, die Kluft zwischen Urheberrechtsgesetzen und der Praxis von Millionen von Internet-Nutzern diskutiert.

Dass die rigide Gesetzgebung und Klagedrohungen von Rechteinhabern am massenhaften Veröffentlichen, Remixen und Teilen von nicht lizenzierten digitalen Inhalten nichts ändert, demonstrierte auch eine kurze Umfrage im Auditorium.

Auf die Frage vom Podium, ob auch Leute anwesend seien, die noch nie urheberrechtlich geschützte Files aus Tauschbörsen heruntergeladen haben, hoben kaum mehr als eine Handvoll Leute aus dem recht gut besetzten Saal die Hand.

Auch am Podium, auf dem neben dem Moderator Felix Stalder die österreichische EU-Abgeordnete Eva Lichtenberger [Die Grünen], Rasmus Fleischer vom schwedischen Piratenbüro [Piratbyran], der Filmemacher und Filesharing-Aktivist Alan Toner [Autonomedia, "Steal this film"], der ehemalige Chef des mittlerweile geschlossenen Labels Hausmusik, Wolfgang Petters, und der Soziologe und Medienforscher Volker Grassmuck saßen, überwog die Anzahl der Tauschbörsennutzer.

"Von der Realität überholt"

Die EU-Kommission setze derzeit alles daran, die Rechte zum geistigen Eigentum zu stärken und auch durchzusetzen. Die Erkenntnisse, auf denen die EU-Gesetzgebung basiere, seien jedoch längst von der Realität überholt, kritisierte EU-Abgeordnete Lichtenberger.

Die europäische Legislative lebe "in einer anderen Welt", die mit der gelebten Praxis der Bürger nichts mehr zu tun habe. Als Beispiele nannte sie die umstrittene EU-Direktive zum geistigen Eigentum [IPRED 2], deren Veröffentlichung sich nach einer Intervention der Grünen verzögert, und die Bestrebungen der EU-Kommission im Zuge einer Reform der Lizenzierung von Online-Inhalten schärfer gegen Urheberrechtsverletzungen vorgehen zu wollen.

"Political Rights Management"

Nach dem Fall von Digital Rights Management [DRM] werde nun versucht eine Art "Political Rights Management" zu installieren, sagte Piratenbüro-Sprecher Fleischer.

Der in Frankreich bereits so gut wie implementierte Plan von Regierung und Medienindustrie, Internet-Nutzern bei wiederholten Urheberrechtsverletzungen den Zugang zum Netz zu kappen und unliebsame Websites zu blockieren, sei eine beängstigende Entwicklung und habe Konsequenzen, die weit über die kulturelle Produktion hinausgehen.

"Wir bewegen uns in Richtung China"

Auf den schwarzen Listen der Rechteinhaber würden sich schon bald nicht nur Torrent-Tracker-Sites finden. Aber auch anonyme Internet-Verbindungen würden unter solchen Rahmenbedingungen nicht mehr möglich sein, mahnte Fleischer: "Wir bewegen uns in Richtung China."

"Die Revolution ist längst passiert"

"Man kann sich nicht gegen technologische Entwicklungen wehren", sagte der frühere Hausmusik-Chef Petters, dessen Vertrieb im vergangenen Jahr "unter dem Druck des Netzes" zusammenkrachte.

Tonträger ließen sich weltweit nicht mehr verkaufen. Nach den Vertrieben werden bald die Labels sterben, sagte Peters. Die Revolution im Musikgeschäft sei längst passiert: "Wir erleben gerade die Auswirkungen."

Download-Verkäufe keine Lösung

Die Industrie habe nur dann eine Chance, wenn sie sich auf die Situation einstellt und neue Konzepte entwickle, so Petters. Digitale Download-Verkäufe seien keine Lösung: "Im Netz ist alles umsonst."

Auch der Gesetzgeber komme nicht darum herum, diese Realitäten anzuerkennen, ist Petters überzeugt: "Es wird nicht möglich sein, den Großteil der Bevölkerung strafrechtlich zu verfolgen."

Für den Privatgebrauch umsonst

Er gehe davon aus, dass Musik als Download mittelfristig für den Privatgebrauch umsonst zu haben sein wird. Lediglich die geschäftliche Nutzung in Film und Werbung werde noch zu vergüten sein, meinte Petters.

Die Musiker werden dadurch jedoch keinen finanziellen Nachteil haben, denn deren Erlöse aus Tonträgerverkauf und Downloads wurden auch bisher schon von Labels und Handel "aufgefressen".

Eine Zeitfrage

Der Filmemacher Toner wollte sich an der Debatte um die Urheberrechtsgesetze erst gar nicht beteiligen.

Er ließ stattdessen einen Tag im Leben eines Fileshares Revue passieren und kam zu dem Schluss, dass die wesentliche Frage wohl jene sei, wann die Nutzer die Zeit finden würden, sich all die Filme anzusehen, die sie aus dem Netz geladen haben.

Plädoyer für eine "Kultur-Flatrate"

Grassmuck vom Urheberrechtsinformationsportal iRights.info machte sich für eine Pauschalgebühr für Musik aus dem Netz stark und verwies auch auf die zunehmende Unterstützung der Rechteinhaber für eine solche Idee.

Auch Initiativen wie etwa TotalMusic des Musikkonzerns Universal Music, bei der Hardware-Hersteller oder Zugangsanbieter die Kosten für die Downloads übernehmen, würden in diese Richtung deuten.

"Nicht umsetzbar"

Bei Grassmucks Mitdiskutanten stieß die "Kultur-Flatrate" auf wenig Gegenliebe. Eine Pauschalgebühr für Inhalte aus dem Netz ließe sich nicht umsetzen, meinte etwa Fleischer. Es müsse etwa die Frage der unterschiedlichen Bewertung von Musik- und Film-Downloads geklärt werden.

Eine Lösung für alle vom Tausch von Inhalten betroffenen Bereiche der kulturellen Produktion sei nicht zu finden: "Dazu sind sie zu verschieden."

Zur Diskussion der produktiven Verwendung digitaler Inhalte, etwa bei Remixes, blieb der Runde zum Schluss nur noch wenig Zeit. Auch hier werde die rechtliche Architektur den Handlungsweisen einer Vielzahl von Menschen nicht gerecht, sagte Toner: "Der Kampf um die Kontrolle der Kultur hat nach der Distribution schon längst auch die Produktion erfasst."

Ein Interview mit Piratenbüro-Sprecher Fleischer zur Klage gegen die Betreiber des schwedischen Torrent-Trackers The Pirate Bay und zum "Copyfight" zwischen Piraten und der Anti-Piraterielobby ist demnächst in der futurezone zu lesen.

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(futurezone | Patrick Dax)