"Manhunt 2"-Entwickler sehen rot

02.11.2007

Rund um das kontroversielle Videospiel "Manhunt 2" bahnt sich neuer Zwist an: Die daran hauptsächlich beteiligten Entwickler des 2006 geschlossenen Studios Rockstar Vienna vermissen ihre Namen in den Credits und fühlen sich um ihre Arbeit und Leistung betrogen.

"Wir wollen Grenzen ausloten", ist eine der wenigen offiziellen Aussagen von Rockstar zu seinem viel diskutierten Videospiel "Manhunt 2", das vor allem wegen seiner Gewaltszenen kritisiert wird.

Das Spiel hat es nach leichten Änderungen doch noch in die Regale zumindest von US-Geschäften geschafft. Eine für den Gamer weniger auffällige Modifikation hat aber jetzt den Unmut der eigentlichen Entwickler des Spiels erregt, nämlich der ehemaligen Mannschaft von Rockstar Vienna. Sie werfen Rockstar vor, ihre Arbeit und Leistung an dem Spiel totschweigen zu wollen.

Keine Nennung in den Credits

Wie ein ehemaliger Producer des Spiels, Jurie Horneman, in einem Posting auf seinem Weblog schreibt, wurde bis auf wenige Ausnahmen keiner der rund 55 Beteiligten von Rockstar Vienna in den Credits namentlich erwähnt.

Die Krux dabei: Von Jänner 2004 bis zur Schließung von Rockstar Vienna im Mai 2006, zu der es bis dato noch immer keine offizielle Stellungnahme von Rockstar gibt, wurde das Spiel unter strengster Geheimhaltung in Wien produziert. Kurz vor der offiziellen Fertigstellung von "Manhunt 2" hieß es für die Mitarbeiter überraschend und über Nacht "Game over" - sie wurden entlassen.

Rockstar kämpfte bis zum Schluss darum, das Spiel doch noch auf den Markt bringen zu können. Nachdem die erste Version in den USA nur ein "Adults Only"-Rating bekommen hatte, wurde das Spiel schließlich von Rockstar London optisch entschärft und steht nun mit "Mature" [ab 17] in den Regalen. Die Version für Europa ist wegen anhaltender Widerstände auf Eis gelegt.

Wenig Unterschied zum Original

Laut Horneman, der sich offenbar auch im Namen seiner ehemaligen Kollegen zu Wort meldet, ähnelt das aktuelle Spiel, das von Rockstar London fertiggestellt wurde, in großen Teilen der ursprünglichen Version.

Auch von anderer Seite ist zu hören, dass wesentliche Teile des Spiels [Charaktere, Levels, Executions] aus der von Rockstar Vienna produzierten Version übernommen wurden.

Keine Spuren zu Rockstar Vienna

Horneman schreibt weiter, er sei enttäuscht und wütend, dass Rockstar versuche vorzugeben, dass es Rockstar Vienna und dessen Arbeit an "Manhunt 2" niemals gegeben habe. Über 50 Leute hätten Jahre ihres Schaffens in das Projekt investiert, um das nach ihren Möglichkeiten beste Spiel zu entwickeln. Er selbst sei stolz, Teil dieses Teams gewesen zu sein.

Es werde sicher jemand auf die Idee kommen, dass Rockstar Vienna deshalb geschlossen wurde, weil die Arbeit des Studios an "Manhunt 2" qualitativ nicht gut genug war, so Horneman schließlich. Das sei zwar weder beweis- noch widerlegbar, er könne das aber von seiner Seite aus ausschließen.

Er wolle die Ungenauigkeit bei den Credits nun korrigieren, schreibt Horneman und listet akkurat alle Beteiligten auf.

Nicht nur Rechte, auch Pflichten

Gerade für ein Entwicklerstudio wie Rockstar, dass rund um "Manhunt 2" immer wieder künstlerische Freiheit auch für Videopiele forderte, zeugt diese Vorgehensweise von einem mehr als fragwürdigen Umgang mit den eigenen Mitarbeitern und deren kreativem Schaffen.

In einem "Gamespot"-Interview sagte Rockstar-Producer Jeronimo Barrera jüngst: "Rockstar ist der Meinung, dass Spiele nach denselben Kriterien wie Filme beurteilt werden sollten - sie sind Teil derselben Kultur."

Diese Kultur gibt aber nicht nur Freiheiten, sondern beinhaltet auch, dass Mitwirkende je nach Leistung namentlich erwähnt werden sollten - noch dazu in Zeiten, wo das Urheberrecht zu allen möglichen und unmöglichen Argumentationszwecken angeführt wird und auch noch das kleinste mediale Artefakt mit einem Copyright-Vermerk versehen werden muss.

Lücke im Lebenslauf

Die Vorwürfe der ausgebooteten Entwickler laufen darauf hinaus, dass die Spieleindustrie, die sich rühmt, in der gleichen Liga wie Hollywood zu spielen, auch die dortigen Konventionen berücksichtigen und die an Produktionen beteiligten Leute beim Namen nennen sollte.

Für die Entwickler reißt der fehlende Credit zudem eine Lücke in den Lebenslauf: "Wie soll man erklären, was man die letzten drei, vier Jahre gemacht hat, wenn weder das Studio noch das Spiel, an dem man jahrelang gearbeitet hat, noch irgendwo auftauchen?", klagt ein Betroffener. Eine Anfrage bei Rockstar zu den Vorwürfen läuft derzeit.

In seiner Keynote zur Games Convention in Leipzig beschwerte sich zuletzt Julian Eggebrecht, Chef des kalifornischen Spieleentwicklerstudios Factor 5, über die verquere Moral in der Welt der Videospiele.

Droht der nächste "Hot Coffee"?

Abseits davon könnte Rockstar nach all den Verschiebungen noch weiteres Ungemach mit "Manhunt 2" drohen: Hackern ist es gelungen, die von Rockstar London unkenntlich gemachten Szenen wieder scharfzustellen.

Zwar bedarf es dazu einer PSP-Version des Spiels und technischen Wissens, doch gerade in den USA könnte das zu einem ähnlichen Aufschrei wie nach dem "Hot Coffee"-Mod [mit dem ein eigentlich verstecktes Sex-Minigame freigeschaltet werden konnte] von "GTA" führen. US-Anwälte reiben sich sicher schon die Hände und zücken den Bleistift.

Um den "Hot Coffee"-Mod entbrannte in den USA eine heftige politische Debatte. Das nur mit einem Cheat freischaltbare Minispiel in "GTA: San Andreas" führte dazu, dass das Spiel neu herausgegeben werden musste, was Publisher Rockstar viel Geld kostete.

(futurezone | Nadja Igler)