Blogger haben keine Lust auf Regeln

11.04.2007

Bei der Berliner Konferenz re:publica wird noch bis Freitag über Weblogs, Podcasts und das Mitmach-Web diskutiert. Zum Auftakt des Blogger-Treffens wurde an Mythen gekratzt und einem derzeit in der Blogosphäre heftig diskutierten Regelwerk für Blogger eine Absage erteilt.

Über mangelnden Andrang konnten sich die Organisatoren der re:publica nicht beklagen. Rund 700 Leute haben sich zum dreitägigen Erfahrungsaustausch in der Kalkscheune in Berlin-Mitte angemeldet. "Rund 80 Prozent davon sind Blogger", sagte Johnny Haeusler [Spreeblick], der die re:publica gemeinsam mit Markus Beckendahl [new thinking communications, Netzpolitik.org] veranstaltet.

Damit auch das WLAN-Netz in der Kalkscheune dem Ansturm gewachsen ist, kooperierten die Veranstalter mit der lokalen Freifunk-Community. Unter anderem eine Rundstrahlantenne auf dem nahe gelegenen Tacheles soll nun dafür sorgen, dass genug Bandbreite vorhanden ist, damit die bloggenden Teilnehmer und Besucher ihre Berichte, Podcasts und Videos problemlos ins Netz stellen können.

Die Eindrücke von Besuchern und Presse werden auch auf dem Wiki zur Konferenz gesammelt verlinkt. Natürlich können sie auch über den Weblog-Index Technorati, über die Foto-Sharing-Site Flickr und zahlreiche weitere Aggregationsinstrumente im Netz gefunden werden.

Konferenz für Akteure

Die re:publica solle ein Treffen für die Akteure des Netzes sein, die etwa bei wirtschaftlich und technisch orientierten Veranstaltungen zum Thema nicht zu Wort kommen, sagten die Organisatoren.

Vom Gerücht zur konnektiven Intelligenz

Den Auftakt zum mehr als 75 Vorträge, Workshops und Diskussionen umfassenden Konferenzprogramm machte der Soziologe und Medienwissenschaftler Volker Grassmuck, der in seiner "kleinen Geschichte der Wissensallmende" einen mediengeschichtlichen Bogen vom Gerücht als erstem Massenmedium bis hin zur "kooperativen Wahrnehmung und konnektiven Intelligenz" des "Turing-Zeitalters" spannte, der auch die verteilten Konversationen in Weblogs zugeordnet werden können. "Wir haben erst angefangen, uns im Offenen zu orientieren", sagte Grassmuck.

"Keine unrasierten und übergewichtigen Nerds"

Danach räumte der Blog-Forscher Jan Schmidt von der Universität Bamberg mit den "Mythen der Blogosphäre" auf. Weder seien Blogger unrasierte und übergewichtige Nerds noch könnten Weblogs per se als Mittel zur Gegenöffentlichkeit definiert werden.

"Weblogs machen nicht jeden automatisch zu einem Journalisten", meinte Schmidt. Der Großteil der Blogger schaffe eine persönliche Öffentlichkeit, die zwar für den Großteil der Internet-Nutzer irrelevant sei, nicht jedoch für jene, die zu den Bloggern in Kontakt stehen oder sich für dieselben Themen interessieren.

Diskussion über Blogger-Kodex

Am Mittwochnachmittag wurde schließlich auch die derzeit im Netz heftig diskutierte Frage nach einer Blog-Etikette aufs Tapet gebracht. Bei den Diskussionsteilnehmern stieß ein Regelwerk für Blogger, wie es vor kurzem erst wieder vom US-Web-2.0-Guru Tim O'Reilly ins Spiel gebracht wurde, auf wenig Gegenliebe.

"Regeln schränken Kreativität ein"

Der Versuch, ein Regelwerk zu schaffen, wäre eine schreckliche Sache, weil es die Kreativität der Blogger einschränke, sagte der Blogger und Journalist Don Dahlmann [Irgendwas ist ja immer]. Weblogs seien gerade dadurch groß geworden, dass sie sich an keine Regeln halten, meinte Dahlmann, der Bloggern dazu riet, "ein dickes Fell zu bekommen".

Gesetze reichen aus

Auch Stefan Niggemeier vom Bildblog kann einem Regelwerk für Blogger wenig abgewinnen. "Die wirkungsvollsten Regeln sind jene, an die man sich ohnehin hält, weil man weiß, das tut man nicht", meinte Niggemeier. Um zu verhindern, dass jemand in Weblogs mit Morddrohungen konfrontiert werde, brauche man kein Blog-Etikette, sagte Niggemeier, dazu würden bestehende Gesetze ausreichen.

O'Reilly stellte am Sonntag Richtlinien für den zivilisierten Umgang im Netz zur Diskussion. Der Grund dafür waren Morddrohungen gegen eine bekannte Tech-Bloggerin.

"Regeln entwickeln sich ohnehin"

Festschreibungen verhindern Spontanität, meinte der Informatikwissenschaftler Rainer Kuhlen. Regeln entwickelten sich ohnehin durch das Verhalten in den Räumen, in denen wir uns bewegen, sagte Kuhlen.

Sinnvoll seien allenfalls bereichsspezifische Etiketten, etwa für Journalisten-Blogs oder wissenschaftliche Weblogs, meinte Kuhlen.

"Durchbrechen und neu definieren"

Gerade Weblogs eignen sich jedoch dazu, Regeln der "normalen" Welt, die in elektronischen Räumen nicht funktionieren, zu durchbrechen, auszureizen und neu zu definieren. Als Beispiel für solche Regeln nannte Kuhlen das traditionelle Urheberrecht, das im Netz kaum anwendbar sei, wie es unter anderem derzeit die Musikindustrie erfahren müsse.

(futurezone | Patrick Dax)