Ars Electronica am "Point of no Return"

FESTIVAL
24.08.2010

Klimakrise, Überwachungsgesellschaft und Finanzcrashes beschäftigen heuer die Ars Electronica. Unter dem Motto "Repair – Sind wir noch zu retten" steht dem Linzer Medienkunstfestival von 2. bis 11. September mit der neuen Location, der Linzer Tabakfabrik, mehr Platz denn je zur Verfügung.

Alternative Gangarten in einer Welt, die voll mit von Menschen erdachten und entwickelten Technologien ist, seien gefragt, so Christine Schöpf anlässlich der Programmpräsentation am Dienstag in Wien. Schöpf, die neben Gerfried Stocker für die künstlerische Leitung des Festivals verantwortlich ist, meinte, dass nicht die Entscheidungsträger die neuen Medien mit althergebrachten Systemen weiterführen sollen, vielmehr "sollen wir darüber nachdenken, was wir reparieren können".

Das Festival versammle Pioniere, die bereits heute an alternative Zukunftsszenarien arbeiten würden, Visionäre aus Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft. "Es geht um die Befindlichkeit unserer Zeit", sagte Stocker. Seien es Klimakrise oder die zum Alptraum werdende Informationsgesellschaft, "das Einzige, was uns bleibt, ist selber die Ärmel aufzukrempeln", denn die "Points of no Return" seien überschritten.

"Open Source Life"

Der Block "Repair our society" sucht Lösungen für das Leben in einer Informationsgesellschaft, ohne Opfer von deren Instrumenten zu werden. Welche Möglichkeiten gibt es etwa, um aus den immer kommerzieller werdenden neuen Medien, wie Google und Facebook, aussteigen zu können? Im Symposium "Open Source Life" stehen etwa Privacy und Freiheit im Netz im Vordergrund. Im Bezug auf Repair könne Open-Source-Strukturen oder -Haltungen zu Agenden der Veränderung werden, meint Andreas Hirsch, Verantwortlicher für das Open-Source-Symposium.

Als Beispiel nennt Hirsch etwa Tim Pritlove vom Chaos Computer Club. Dieser wird das Projekt Map Kibera, die auf Open Source basierende freie Karte eines Slums in Nairobi präsentieren. Auch "Diaspora"-Erfinder Maxwell Salzberg wird an einem Panel teilnehmen, dessen erstes Release seiner Anti-Facebook-Site im September veröffentlicht werden soll.

"Design for Repair"

Das "Papplab" und die Ausstellung "Proben" der Hochschule für bildende Künste Hamburg laufen unter "Design for Repair". Im Papplab werden 6.000 Quadratmeter Karton zu Sofas, Bänken und Tischen, die im Festivalbetrieb genutzt werden, verarbeitet. 100 mobile Hocker werden zusätzlich hergestellt. "Auch die Leinwände sind aus Pappe, das ist das einzige Material, das wir zusätzlich aufs Gelände bringen", erklärte Stocker. "Proben" bringt den spielerischen Ansatz mit funktionstüchtigen Fahrzeugen im Maßstab 1:1, die mit "Akkuschraubern als Antrieb durch die Gegend düsen".

"Asimo" betritt Österreich

Zum Oberbegriff "New Work Factory" denkt das Format "Neue Arbeit Neue Kultur" (NANK) Arbeit völlig neu. Die Future Factory präsentiert Projekte aus "the next idea", der gemeinsam mit der voestalpine seit sechs Jahren vergebenen Förderung. Außerdem geht es um die Beziehung zwischen Mensch und Roboter, vor allem der von Honda entwickelte erste Roboter der laufen konnte, "Asimo", wird im Mittelpunkt stehen. Erstmals wird der humanoide Roboter in einer künstlerischen Inszenierung auftreten. Für den Auftritt gibt es jedoch nur eine limitierte Zahl an Eintrittskarten.

"Allein, weil der Goliath Honda den David Futurelab (Forschungseinrichtung des Linzer Ars Electronica Centers, Anm.) für eine Kooperation ausgesucht hat, kann ich gar nicht aufhören mich zu freuen", meinte Stocker. In der voestalpine Stahlwelt zeigt die Ars mit "blood and tears" die jüngste Arbeit des österreichischen Medienkünstlers Richard Kriesche, die auch den Abschluss seiner 2007 begonnenen Trilogie bildet.

Repair-Werkstatt

Der Gedanke "Repair" wird in den Werkstätten der Tabakfabrik unmittelbar umgesetzt, dort soll gezeigt werden, was alles repariert werden kann. Und auch "das Festival selber soll als Fabrik funktionieren", bleiben soll "ein anderes Bewusstsein, dass die Menschen , bevor sie das nächste Mal etwas wegwerfen, überlegen, ob man das nicht reparieren kann", wünscht sich Stocker, der sich darüber im Klaren sei, dass die Ars Electronica zwar nicht die Welt retten, aber zumindest eine Geisteshaltung vermitteln könne.

Auch die mit dem Ars-Electronica-Award 2010 ausgezeichnete Initiative "unibrennt" wird bei der Ars Electronica vertreten sein. Die Forderungen der Studierenden im Herbst 2009 nach mehr Geld für die Unis war nicht neu. Neu war allerdings die Art des Protests: Die Studenten organisierten den Aufbau autonomer Infrastrukturen, Netzwerke und Kommunikationskanäle, um auf ihre Forderungen und Aktionen aufmerksam zu machen und um sich besser zu organisieren und zu koordinieren.

80.000 Quadratmeter Fläche

Über die neue Location Tabakfabrik zeigten sich die Veranstalter sehr erfreut. Insgesamt stünden über 80.000 Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Stocker sieht im Festival "eine Form der Inbesitznahme", mit der sich die Besucher das Gebäude mental aneignen können. Sogar die alte Rohrpost werde ins Programm eingebunden, ein Lieblingsprojekt von Stocker. Weitläufige Außenflächen, ein rund 250 Meter langer Gang, eine Halle, in der man den Schall bis zu 20 Sekunden lang hören kann und überdimensionale Räumlichkeiten bieten völlig neue Möglichkeiten.

Klangwolke mit Überschallmagnetzug

Und sie bringen hoffentlich neue Gäste. Den Weg hin zum breiteren Publikum suche die Ars zwar schon immer. Doch die Tabakfabrik einmal von innen zu sehen spreche sicher viele an, die sonst der Ars Electronica fernblieben, zumal am Samstag ein Tag der offenen Tür stattfindet, so der Veranstalter.

Die jährlich das Festival begleitende Klangwolke trägt heuer den Titel "Baby Jet". Das Künstlernetzwerk Lawine Torren inszeniert am 4. September im Donaupark einen Thriller in Echtzeit mit einem Überschallmagnetzug im Vakuumtunnel.

Mehr zum Thema:

(APA/futurezone)