© Fotolia/Digitalpress, Laptop der CD auswirft

"Filesharing wird effizienter und schneller"

ONLINE-MUSIK
14.06.2010

Das US-Marktforschungsunternehmen BigChampagne untersucht Trends in Filesharing-Netzwerken und berät Medienunternehmen. ORF.at hat mit Eric Garland, dem Geschäftsführer und Gründer von BigChampagne, über aktuelle Entwicklungen in Peer-to-Peer-Netzwerken, die Attraktivität von Tauschbörsen und die Chancen von Musik-Streaming-Angeboten gesprochen.

ORF.at: Ihr Unternehmen BigChampagne beobachtet Aktivitäten in Filesharing-Netzwerken. Wie groß ist das Phänomen eigentlich - auch im Vergleich zu kostenpflichtigen Angeboten?

Garland: Das Phänomen ist enorm. Ich würde das Verhältnis zwischen dem kostenpflichtigen Download-Markt und kostenlosen Downloads in Filesharing-Netzwerken oder "One Click"-Hostingsites wie Rapidshare und Megaupload mit eins zu zehn beziffern. Wir haben also zu 90 Prozent einen "Piratenmarkt". Bei Film- und TV-Downloads ist es noch nicht ganz so dramatisch. Aber diese Bereiche wachsen sehr schnell.

Eric Garland, BigChampagne

Das 1999 gegründete US-Marktforschungsinstitut BigChampagne untersucht Nutzungszahlen von Musik-, Film- und TV-Inhalten im Internet, aber auch in traditionellen Medien. Das in Kalifornien ansässige Unternehmen hat sich vor allem mit der Analyse von Daten aus Filesharing-Netzwerken einen Namen gemacht und bietet untere anderem das Tool BC Dash an, mit dem sich in Echtzeit Trends im Netz verfolgen lassen. Zu den BigChampagne-Kunden zählen Medienkonzerne, Markenunternehmen und Finanzanalysten.

BigChampagne-Mitgründer und -Geschäftsführer Eric Garland war vergangene Woche bei den Wiener Tagen zur Musikwirtschaftsforschung zu Gast, wo er über Trends in Filesharing-Netzwerken sprach.

ORF.at: Welche aktuellen Trends registrieren Sie bei Filesharing-Netzwerken?

Garland: Filesharing wird dezentraler, die Nutzer bewegen sich von den großen Netzwerken wie etwa dem Fasttrack- oder Gnutella-Netzwerk zu einer Vielzahl von Alternativen. Das sind "One Click"-Hostingsites ebenso wie Musikblogs und individuelle Torrent-Schwärme, die schwer auszumachen sind. Der Vertrieb der Inhalte hat sich beschleunigt und ist effizienter geworden. Aus der Sicht der Marktforscher und Datensammler ist das natürlich ein Alptraum. Das hat auch Auswirkungen auf gesetzliche Maßnahmen wie die "abgestufte Erwiderung" oder das Kappen von Internet-Verbindungen nach wiederholten Urheberrechtsverletzungen ("Three Strikes Out"), wie sie in manchen Ländern eingeführt wurden. An die Daten zu kommen wird zunehmend schwieriger. Der "Piratenmarkt" ist heute aber auch besser indexiert und sozialer geworden. Sobald Inhalte in Filesharing-Netzwerken auftauchen, werden sie auf Twitter oder Facebook verlinkt. Ein "Leak" spricht sich innerhalb von Minuten herum. Die Dateien können über Google leicht gefunden werden. Die Qualität der "geleakten" Files ist in vielen Fällen höher als bei in Online-Musikshops angebotenen Dateien. Daneben haben wir selbst im "Piratenmarkt" einen Trend weg zum Album und hin zu individuellen Songs bemerkt. Die meisten Leute laden nicht mehr als zwei Songs von einem Künstler herunter. Alben werden also nicht mehr heruntergeladen - auch dann nicht, wenn sie gratis sind.

ORF.at: Gibt es in Filesharing-Netzwerken einen Trend zu Nischenmärkten, also einen "Long Tail", wie ihn Chris Anderson beschrieben hat? Finden auch Songs ihr Publikum, die nicht massentauglich sind?

Garland: Einen "Long Tail" gibt es, er ist allerdings sehr dünn. Jenseits der Blockbuster und einiger tausend Titel stoßen bestimmte Angebote nur auf ein sehr geringes Interesse. Es gibt viele Files, die nur einmal oder nur ein paar Mal heruntergeladen werden. Wir beobachten ein breiteres, aber auch oberflächlicheres Interesse an Musik. Die Leute suchen sich einzelne Songs von Musikern und Bands aus, für die sie vielleicht auch nie Geld bezahlt hätten.

ORF.at: Mit dem Aufkommen von E-Book-Lesegeräten wie dem Kindle und in gewisser Weise auch Apples iPad befürchten auch Verlage und Autoren den unautorisierten Tausch ihrer Inhalte. Machen sich die Verlage zu Recht Sorgen?

Garland: Sie sollten sich sehr große Sorgen machen. Derzeit hält sich der Tausch elektronischer Bücher noch in Grenzen. Aber worauf wir achten, ist der prozentuale Anstieg, und wir sehen den Tausch von Inhalten, die sich für solche Lesegeräte eignen, regelrecht explodieren. Wir werden also in kürzester Zeit einen florierenden grauen Markt haben, der direkt mit den Angeboten von Amazon und Apple konkurriert.

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ORF.at: Wiederholen die Verlage die Fehler der Musikindustrie? Was raten Sie den Verlegern?

Garland: Die Geschäftsfelder - ob Musik, Film, TV-Serien oder E-Books - sind sehr unterschiedlich. Wir dürfen nicht den Fehler machen, zu stark zu verallgemeinern. Aber es gibt bestimmte Aspekte, die für all diese Bereiche Gültigkeit haben. Das sind etwa die Veröffentlichungsdaten. Sie können nicht erwarten, dass Sie Inhalte verkaufen, wenn sie käuflich noch gar nicht erworben werden können. Das ist eines der größten Probleme. In diesem Moment laden etwa Millionen Leute die neuen Alben von Eminem und Drake herunter, die noch gar nicht in den Geschäften sind. Dasselbe passiert mit Filmen und TV-Serien. Serien, die etwa in den USA ausgestrahlt werden, sind in Europa noch gar nicht erhältlich. Die Leute wissen sich aber zu helfen. Sie sind ungeduldig und laden sich diese Serien einfach aus Filesharing-Netzwerken herunter. Dasselbe gilt natürlich auch für die Verlage. Wenn etwa Bücher zurückgehalten werden oder bereits als Hardcover, nicht jedoch in elektronischer Form veröffentlicht werden, erwächst den Verlagen ein großer Nachteil. Dasselbe gilt für den Kopierschutz. Alles, was die Interoperabilität beeinträchtigt, ist ein großer strategischer Fehler.

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ORF.at: Haben eigentlich die Klagen der Musikindustrie und die Verschärfung von Urheberrechtsgesetzen Auswirkungen auf die Aktivitäten in Filesharing-Netzwerken gehabt?

Garland: Auf die Nutzung von Filesharing-Netzwerken haben sie sich langfristig nicht ausgewirkt. Es gab bei diversen Ankündigungen von Klagen oder gesetzlichen Maßnahmen zwar Rückgänge. Aber die waren nur vorübergehend. Sobald die Leute gemerkt haben, dass die Bedrohung eher harmlos ist, sind sie sehr schnell zurückgekommen. Am ehesten hatten diese Maßnahmen noch Auswirkungen auf die öffentliche Diskussion. Viele Leute konnten zwar der Aggressivität der Industrieverbände nichts abgewinnen, die Situation der Rechteinhaber wurde dadurch aber zum Thema. Ich glaube auch, dass es gesetzliche Maßnahmen wie etwa die "abgestufte Erwiderung" oder "Three Strikes Out" sehr schwer haben werden, eine abschreckende Wirkung zu erzielen. Viele Leute glauben, dass sie davon nicht direkt betroffen sind. Solche Maßnahmen werden sicherlich nicht zur Änderung von Verhaltensweisen führen. Die hat es auch in der Vergangenheit nicht gegeben.

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ORF.at: Als die britische Band Radiohead ihr Album "In Rainbows" 2007 über ihre Website gegen eine freie Spende oder gratis zum Download angeboten hat, haben dennoch mehr Leute das Album über Tauschbörsen heruntergeladen. Was macht - vom kostenlosen Angebot abgesehen - die Attraktivität von Tauschbörsen aus?

Garland: Wir glauben, dass der Grund, warum "In Rainbows" aus Filesharing-Netzwerken häufiger heruntergeladen wurde als von der Radiohead-Website, in der Vertrautheit der Leute mit diesen Netzwerken liegt. Viele Leute, die P2P-Netzwerke nutzen, haben sich daran gewöhnt. Ebenso wie sie ein bevorzugtes Pub haben, haben sie auch eine bevorzugte Art und Weise, wie sie an Musik kommen. Wir glauben, dass der Ort, wo etwas heruntergeladen wird, genauso wichtig ist wie der Preis. Das Radiohead-Experiment ist ein gutes Beispiel dafür.

ORF.at: Was können Musiker und Musikunternehmen davon lernen?

Garland: Eine ganz Menge. Sie können versuchen, den Leuten ein besseres Angebot zu machen. Wenn man aber die Bedeutung des Ortes und die Gewohnheiten der Leute respektiert, dann sollten sie ihr Produkt oder ihre Dienstleistungen zu den Leuten bringen und versuchen, in diesen Netzwerken ein Verhältnis zu ihnen aufzubauen. Aber ich glaube, dass es in der Musikindustrie große Widerstände dagegen gibt, LimeWire oder BitTorrent als Marktplatz zu betrachten.

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ORF.at: Musik-Streaming-Diensten wie Spotify und We7 wird von Marktbeobachtern ein großes Potenzial zugeschrieben. Haben sie eine Chance, gegen Filesharing-Netzwerke zu bestehen?

Garland: Absolut. In den USA ist Spotify nicht verfügbar, wir haben aber auch werbefinanzierte Musik-Streaming-Dienste. Die Leute nutzen etwa zunehmend YouTube für das Musik-Streaming. Auch MySpace Music ist sehr populär. Dort wird viel Musik gestreamt, die Anzahl der Abrufe kann sich in manchen Fällen durchaus mit P2P-Netzwerken messen und lässt den CD- und Download-Verkauf, aber auch das Radio weit hinter sich. Diese Dienste haben einen großen Einfluss darauf, wie wir Musik konsumieren. In den USA zögern die Labels jedoch, mit solchen kostenlosen Streaming-Diensten zusammenzuarbeiten. Sie befürchten, dass sie denselben Effekt auf ihr Geschäft haben werden wie der unautorisierte Musiktausch in Filesharing-Netzwerken. Sie befürchten, dass ihre Musik dadurch entwertet wird. Ich glaube, dass die USA hier anderen Ländern hinterherhinken. Spotify ist in Großbritannien ein großer Erfolg. In den USA denkt man noch in anderen Kriterien. Die Verantwortlichen fragen sich, warum es ihre europäischen Pendants zugelassen haben, dass Spotify so groß werden konnte.

ORF.at: Diese neuen Streaming-Dienste bieten neben werbefinanzierten Gratisangeboten auch kostenpflichtige Premium-Versionen an. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Leute dafür bezahlen?

Garland: Das ist ein sehr schwieriger Markt. Wir haben in den USA sehr gut finanzierte, hochqualitative Dienste, die seit Jahren Ähnliches versuchen - etwa die Musikabodienste Napster, Rhapsody oder Microsofts Zune-Service. Keinem von ihnen ist es gelungen, eine signifikante Anzahl an Kunden für ihre Bezahldienste zu gewinnen. Ich glaube, dass es sehr schwer wird, die Leute dazu zu bewegen, drei, fünf oder zehn Dollar pro Monat für Musik zu bezahlen. Für gebündelte Angebote bin ich optimistischer - wenn etwa der Zugriff auf Musik gemeinsam mit dem Internet-Anschluss, Geräten oder sogar Autos verkauft wird. Schon heute geben Leute für solche Dienste in den USA monatlich große Summen aus, etwa beim Pay-TV. Die Leute scheinen sich psychologisch darauf eingestellt zu haben. Solche Angebote werden auch angenommen.

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ORF.at: Wie beurteilen Sie die Chancen einer gesetzlich geregelten Pauschalabgabe für Musik aus dem Netz, wie sie seit längerem diskutiert wird?

Garland: In den USA ist die Unterstützung der Musikunternehmen für eine solche "Musik-Flatrate" in keinster Weise gegeben. Sie finden den Vorschlag abstoßend und wollen nicht einmal darüber diskutieren. Vor drei Jahren war ich noch optimistischer. Aber heute stößt eine solche "Musik-Flatrate" bei fast allen Betroffenen auf Ablehnung. Sollte eine solche Pauschalgebühr jemals verwirklicht werden, dann wird das sicherlich nicht zuerst in den USA passieren.

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(futurezone/Patrick Dax)