© Bild: Flattr, Screenshot: ORF.at, Flattr-Nutzer verteilen Geld

Flattr: Pirate-Bay-Gründer startet Bezahlsystem

MICROPAYMENTS
20.04.2010

Peter Sunde, Mitbegründer der Torrent-Tracker-Site The Pirate Bay, will mit seinem Online-Bezahldienst Flattr Inhalteanbietern helfen, im Netz Geld zu verdienen. Noch wird das System getestet. Der Start ist für Juni geplant. Im Gespräch mit ORF.at erklärt Sunde die Funktionsweise des Bezahlmodells und nimmt zu aktuellen Entwicklungen im Prozess gegen The Pirate Bay Stellung.

Mit The Pirate Bay hat Sunde jahrelang den freien Tausch von Inhalten über das Internet propagiert. Nun arbeitet er mit dem von ihm gegründeten, in Schweden ansässigen Start-up Flattr an einem Online-Bezahlsystem.

Peter Sunde betrieb gemeinsam mit Fredrik Neij und Gottfried Svartholm Warg die Torrent-Tracker-Site The Pirate Bay. Vor einem Jahr wurde Sunde ebenso wie die beiden anderern in erster Instanz (nicht rechtskräftig) von einem schwedischen Gericht zu einem Jahr Haft und Schadenersatzzahlungen verurteilt. Ein Termin für die Berufungsverhandlung steht noch nicht fest. Flattr, das sich derzeit im geschlossenen Betatest befindet, soll im Juni starten.

Monatlicher Betrag

Dabei zahlen Nutzer einen monatlichen Betrag ein und entscheiden selbst, wer wie viel von ihren Beiträgen bekommt. Flattr-Nutzer müssen dazu einen Button installieren, der neben den von ihnen generierten Inhalten aufscheint. Wird der Button angeklickt, wird das von Flattr gespeichert. "Am Ende des Monats verteilen wir das Geld", erläutert Sunde. "Wenn Sie den Flattr-Button hundertmal geklickt haben, teilen wir die von Ihnen eingezahlte Summe durch hundert und verteilen das Geld an die Leute, die jene Inhalte produziert haben, die Ihnen gefallen haben."

ORF.at hat Sunde bei der Social-Media-Konferenz re:publica, die vergangene Woche in Berlin stattfand, getroffen und mit ihm über das Online-Bezahlsystem, Ähnlichkeiten und Unterschiede zu einer "Kulturflatrate" und den Prozess gegen die Gründer von The Pirate Bay gesprochen, der im Herbst in die Berufung gehen soll.

ORF.at: Mit The Pirate Bay haben Sie beim kostenlosen Tausch von Musik und Filmen im Netz geholfen. Jetzt wollen Sie Inhalteanbietern dabei helfen, Geld zu verdienen. Haben Sie die Seiten gewechselt?

Sunde: Nein, definitiv nicht. Ich glaube, dass Flattr eine Erweiterung der Ideale ist, die The Pirate Bay immer schon hatte. Dabei geht es darum, die Mittelsmänner der Content-Industrie auszuschalten - die großen Unternehmen, die sich für gewöhnlich das Geld einbehalten. Wir wollen es mit Flattr ermöglichen, Geld ebenso zu tauschen wie jede andere Art der digitalen Information. Geld ist heute eine digitale Information.

ORF.at: Was unterscheidet Flattr von anderen Bezahlsystemen im Internet?

Sunde: Viele der Bezahlsysteme, die es heute gibt - etwa Paypal -, werden nicht wirklich der Art und Weise gerecht, wie die Leute das Internet nutzen. Wir sehen Flattr als Möglichkeit, ein Bezahlsystem anzubieten, das den Nutzungsweisen des Internets gerecht wird. Flattr ist ein verteiltes System. Informationen sind frei. Bezahlt wird nur das, was auch gefällt. Jeder, der Flattr nutzt, ist beides - Geldgeber und Geldempfänger. Nutzer können mit Flattr sowohl Geld geben als auch Geld verdienen. Ich sehe Flattr auch als eine Möglichkeit, mit Blogs Geld zu verdienen. Wenn Sie ein Blog haben und einen Flattr-Button implementieren, haben Ihre Leser die Möglichkeit, Sie für Ihre Inhalte zu vergüten. Ebenso kann aber auch jeder, der in Ihrem Blog einen Kommentar schreibt und Flattr nutzt, damit Geld verdienen. Es geht uns auch darum, die Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten aufzuheben. Im Internet ist jeder ein Produzent.

ORF.at: Flattr wird seit einiger Zeit in einer geschlossenen Betaversion getestet. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Sunde: Wir haben eine Menge Bugs gefunden, und wir haben auch bereits einige Änderungen bei der Implementierung der Buttons vorgenommen. Dabei haben uns die Rückmeldungen der Nutzer sehr geholfen. Alles in allem ist es bis jetzt aber gut gelaufen. Den Leuten gefällt die Idee, und wir waren überrascht, wie gut es funktioniert. Andererseits sind es jetzt gerade einmal ein paar hundert Nutzer. Ich bin nicht sicher, ob es mit der offenen Version genauso sein wird. Es wird auf jeden Fall weniger intim sein.

ORF.at: Wann wird Flattr in einer öffentlichen Version verfügbar sein?

Sunde: Wir hoffen, dass wir in einem Monat damit beginnen können, Einladungen an Leute zu verschicken, die sich auf einer Warteliste eingetragen haben. In etwa zwei Monaten wollen wir Flattr dann allgemein zugänglich machen. Wir wissen noch nicht, ob sich das ausgeht. Technisch wäre es kein Problem. Wir müssen aber noch rechtliche Fragen klären, die mit der Verwaltung von Geldern zu tun haben. Das könnte zu Verzögerungen führen.

ORF.at: Der Dienst braucht wohl eine kritische Masse, um zu funktionieren. Mit wie vielen Nutzern rechnen Sie?

Sunde: Ich glaube nicht, dass die kritische Masse größer sein muss als 10.000 Nutzer. Das ist nicht viel für ein System wie Flattr. Wenn wir eine Million Nutzer erreichen, dann haben wir die Möglichkeit, die Art und Weise zu verändern, wie Leute arbeiten. Wenn Flattr erfolgreich ist, werden viele Leute mehr Zeit mit den Sachen verbringen können, die ihnen Spaß machen. Mit Flattr können aber nicht nur Inhalte vergütet werden, Sie können mit Flattr alles Mögliche bezahlen. Es muss keine Website oder ein physisches Objekt sein. Sie können es für alle nur denkbaren Sachen nutzen. Wir starten online, aber wir haben bereits Pläne, Flattr zu erweitern und es auch offline anzubieten.

ORF.at: Wie wird das Geld zwischen Nutzern und Flattr aufgeteilt? Wie viel behalten Sie ein?

Sunde: Derzeit behalten wir zehn Prozent der von den Nutzern monatlich eingezahlten Gelder ein. Wir bemühen uns aber, diesen Anteil zu verringern. Die Testphase soll uns auch dabei helfen herauszufinden, was ein fairer Betrag ist. Wir können uns auch vorstellen, dass Teile unseres Anteils etwa an Anbieter von Weblog-Software gehen, die ihre Nutzer bei der Implementierung der Flattr-Buttons unterstützen.

ORF.at: Wie viele Leute arbeiten eigentlich an Flattr? Wo ist das Unternehmen korporiert?

Sunde: Flattr ist ein schwedisches Unternehmen. Derzeit sind wir fünf Leute. Zum Start haben wir Seed-Kapital gesammelt, das wir vorwiegend zur Bezahlung unserer Gehälter nutzen. Wir kaufen uns Zeit.

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ORF.at: Flattr weist auch gewisse Ähnlichkeiten mit einer Flatrate für Inhalte auf. Eine solche "Kulturflatrate" wurde in der Vergangenheit von Leuten aus dem schwedischen Piratenbüro (piratbyran), das The Pirate Bay nahesteht, wiederholt abgelehnt.

Sunde: Ich lehne eine "Kulturflatrate" auch ab. Bei unserem System entscheiden ausschließlich die Leute, wer das Geld bekommt. Es ist viel demokratischer. Eine "Kulturflatrate" hat viele Probleme. Es müssten etwa auch pornografische Inhalte vergütet werden. Denn sie sind auch eine Form der Kultur. Darüber hinaus müssten die Leute überwacht werden, weil ja irgendwie festgestellt werden muss, was tatsächlich heruntergeladen wurde. Wir wissen auch aus den Erfahrungen mit der Leermedienabgabe, die in Schweden "Kassettensteuer" genannt wird, dass die Verteilungsschlüssel nicht unbedingt fair sind. Flattr hat mit all diesen Dingen nichts zu tun. Sie sagen, wofür Sie bezahlen möchten. Sie werden auch nicht gezwungen, Flattr zu verwenden. Und es ist global anstatt national wie etwa eine "Kulturflatrate". Es ist auch kein System, das darauf basiert, dass das Geld an die großen Unternehmen fließt. Flattr ist ein Peer-to-Peer-System, das es Leuten ermöglicht, Geld zu tauschen.

ORF.at: Der Tracker von The Pirate Bay wurde abgedreht, der Verkauf ist gescheitert. Ist The Pirate Bay Geschichte?

Sunde: The Pirate Bay ist noch nicht Geschichte. Aber ich hoffe, dass es das bald sein wird. Wir haben die Leute immer ermutigt, ihr eigenes Tracker-System zu schaffen und an besseren Filesharing-Systemen zu arbeiten. Das Problem ist aber, dass es noch keine wirkliche Konkurrenz zu The Pirate Bay gibt. Es funktioniert zu gut. Ich würde es sehr begrüßen, wenn The Pirate Bay bald von besseren Systemen überholt würde. Wir werden sehen, wie das weitergeht.

ORF.at: Warum ist eigentlich der Verkauf von The Pirate Bay gescheitert?

Sunde: Ich glaube, es waren die falschen Leute oder Leute, die zu verrückt waren. Jeder, der in irgendeiner Form mit The Pirate Bay zu tun hatte, ist ein bisschen verrückt. Die Leute, die The Pirate Bay kaufen wollten, waren offensichtlich auch verrückt. Aber auf eine durchaus angenehme Art und Weise. Es ist ihnen aber nicht gelungen, das Geld dafür aufzubringen. Ich bin über die Details nicht informiert, aber solche Dinge passieren eben.

ORF.at: Glauben Sie, dass das Geschäftsmodell für Pirate Bay neu, bei dem Rechteinhabern eine Vergütung in Aussicht gestellt wurde, tatsächlich funktioniert hätte?

Sunde: Ich weiß es nicht. Aber immerhin hat hier jemand etwas probiert. Die großen Unternehmen, die alles kontrollieren wollen, versuchen hingegen gar nichts. Sie halten an ihrem Geschäftsmodell fest und wollen nur ihre Profite maximieren. Ich glaube, es ist gut, wenn das infrage gestellt wird. The Pirate Bay ist das sehr erfolgreich gelungen.

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ORF.at: Stehen Sie eigentlich mit The Pirate Bay noch in Verbindung?

Sunde: Ich liebe The Pirate Bay, und ich nutze es auch. Aber ich habe damit nichts mehr zu tun.

Sunde: Wir wissen noch nicht, wann die Berufungsverhandlung tatsächlich stattfinden wird. Wir streben einen Termin vor den schwedischen Wahlen an. Richter, die in Schweden von der Politik bestimmt werden, wollen das verhindern. Es müssen auch noch einige andere Fragen geklärt werden. Wir warten etwa auf eine Entscheidung der EU-Kommission, ob die EU-E-Commerce-Richtlinie auch auf uns anwendbar ist. Wir warten auch auf eine Entscheidung des obersten Gerichts in Hinblick auf die Voreingenommenheit der Richter im Prozess. Wir glauben jedenfalls, dass sie das waren. Der Ausgang des Verfahrens wird nicht viel ändern. Was immer auch passiert, wir werden gewinnen. Und die Kläger werden Schadenersatzzahlungen an uns leisten müssen. Das wird ein großer Spaß. Selbst wenn es sich dabei nur um einen Euro handeln würde, wären wir hoch erfreut, dass sie uns bezahlen müssen. Darauf freuen wir uns. (futurezone/Patrick Dax)

(ORF.at: Der Prozess gegen The Pirate Bay soll im Herbst in Berufung gehen. In erster Instanz wurden Sie ebenso wie die anderen Pirate-Bay-Gründer zu einem Jahr Haft und Schadenersatzzahlungen verurteilt. Welchen Ausgang erwarten Sie in der Berufungsverhandlung?)