© Wikileaks/Screenshot: ORF.at, Standbild aus dem Wikileaks-Video "Collateral Murder"

WikiLeaks: Werkzeug der Aufklärer

NETZ
15.04.2010

Ein Video, das die Erschießung von Journalisten durch die US-Armee im Irak zeigt, und ein Handbuch für US-Soldaten im Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba: Seit 2006 macht die Whistleblower-Plattform WikiLeaks Dokumente zugänglich, die unter Verschluss gehalten wurden. Im Interview mit ORF.at gibt WikiLeaks-Sprecher Daniel Schmitt Einblick in die Arbeitsweise der Plattform.

Mit der Veröffentlichung eines Videos, auf dem zu sehen ist, wie im Juli 2007 unbewaffnete Zivilisten, darunter zwei Reuters-Angestellte, in Bagdad von einer US-Hubschrauberbesatzung getötet wurden, sorgte WikiLeaks Anfang April für weltweites Aufsehen. Dass das mit "Collateral Murder" betitelte Video über WikiLeaks und nicht über etablierte Medien erstmals an die Öffentlichkeit gelangte, lässt tiefgreifende Veränderungen in der Medienlandschaft erahnen.

ORF.at traf Schmitt am Rande der Social-Media-Konferenz re:publica in Berlin und befragte ihn unter anderem zu investigativem Journalismus im Internet-Zeitalter und zum Verhältnis von WikiLeaks zu traditionellen Medien.

Daniel Schmitt ist einer von zwei Sprechern der Whistleblower-Site WikiLeaks, die 2006 nach eigenen Angaben von "chinesischen Dissidenten, Journalisten, Mathematikern und Technikern" gegründet wurde. Auf der Plattform befinden sich rund 1,5 Millionen Dokumente, die ohne WikiLeaks den Weg an die Öffentlichkeit wohl nicht gefunden hätten.

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ORF.at: Wissen Sie, ob das Video "Collateral Murder" auch anderen Medien angeboten wurde?

Schmitt: Das wissen wir nicht. Wir gehen aber davon aus, dass das nicht der Fall war. Das Video lag verschlüsselt vor. Ich glaube nicht, dass andere Medien die Ressourcen und Mechanismen haben, um sich mit so etwas auseinanderzusetzen.

ORF.at: Traditionellen Medien wurde Versagen vorgeworfen, weil das Video zuerst von WikiLeaks veröffentlicht wurde. Teilen Sie diese Meinung?

Schmitt: Das ist schwierig zu beantworten. Die Frage ist, wie man "Versagen" definiert. Die US-amerikanischen Mainstream-Medien haben komplett versagt. Das betrifft sowohl das Beschaffen des Materials als auch die Berichterstattung, nachdem wir das Video veröffentlicht haben. Mit den entsprechenden Kontakten wäre es sicher möglich gewesen, das Video zu organisieren. Es ist zweieinhalb Jahre alt. Das Video wurde in den meisten US-Medien auch nur zensiert gezeigt. Die wirklich wichtigen Ausschnitte waren nicht zu sehen. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Amerikaner ein sehr komisches Verhältnis zum Patriotismus haben. In dem Moment, in dem eine Mainstream-Publikation aggressiv über ein solches Video berichten und damit sehr klar die Tätigkeiten des amerikanischen Militärs im Irak kritisieren würde, hätte es sehr viel Gegenwind von der öffentlichen Meinung im eigenen Land. Aus meiner Sicht ist das aber klar eine Verletzung der Berichterstattungspflicht. Man bezieht nicht Stellung. Das ist problematisch.

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ORF.at: Sind traditionelle Medien nicht auch verwundbarer als eine dezentrale Organisation wie WikiLeaks?

Schmitt: Das ist einer der Gründe, warum es unser Projekt gibt. Wenn zum Beispiel in Großbritannien Medien wie der "Guardian" und die BBC regelmäßig über Gerichtsbeschlüsse zensiert werden, ist das ein Problem. Dort gibt es eine hohe Anzahl an Schweigeanordnungen. Die sind gegenüber der Presse in Kraft und geheim. Niemand darf darüber reden. Eines unserer Ziele ist es, solche Dokumente, die aus den Archiven von Zeitungen entfernt wurden, wieder zu publizieren. Damit wollen wir sicherzustellen, dass die historische Dokumentation komplett bleibt. Somit sind wir schon den klassischen Medien überlegen.

ORF.at: WikiLeaks-Gründer Julian Assange hat das Vorgehen von WikiLeaks einmal als investigativen Hightech-Journalismus bezeichnet. Wird diese Art von Journalismus künftig außerhalb der traditionellen Medienunternehmen stattfinden?

Schmitt: Mit dem Internet und der Globalisierung und der Entwicklung zur Informationsgesellschaft treten gewisse Probleme auf, die sehr speziell sind. Diese speziellen Probleme brauchen spezielle Lösungen, etwa den investigativen Hightech-Journalismus. Der deckt etwa ab, dass ein Video, das mit militärischen Verschlüsselungstechnologien codiert wurde, entschlüsselt werden kann. Er kann auch sicherstellen, dass Zensurmechanismen, die momentan überall auf der Welt angestrebt werden, entgegengetreten werden kann. Auch in Österreich werden Netzsperren gegen Kinderpornos diskutiert. Diese Zensurmechanismen führen dazu, dass der Fluss von Informationen reguliert wird. Das betrifft auch andere Inhalte -nicht nur Kinderpornos. Es ist dann nur noch eine Frage, wie stark ihre Lobby ist, damit sie bestimmte Inhalte in diese Filter reinbringen. Dafür brauchen wir eine spezielle Lösung. Das ist die Plattform, die wir bieten.

ORF.at: Sie bemühen sich aber auch um Kooperation mit traditionellen Medien und wollen eine Vermittlerrolle einnehmen.

Schmitt: Unsere Materialien sind für viele Zeitungen interessant. Um aber eine vernünftige Story daraus zu machen, braucht es vielleicht eine Woche. Wenn mehrere Zeitungen an solchen Materialien recherchieren, ist eine schneller, und für die andere ist es keine Exklusivstory mehr. Daraus ergibt sich für uns das Problem, dass niemand mehr komplexes Material anfasst. Wir suchen deshalb nach einem Weg, wie wir Medien Exklusivrechte geben können, damit überhaupt jemand berichtet. Das ist nicht so einfach, weil wir auch niemanden übervorteilen wollen. Wir werden in Zukunft einen Mechanismus anbieten, der es Medien ermöglicht, unter Geschichten, die sie publizieren, einen Link zu uns unterzubringen. Der führt zu unserem System. Ein Leser, der Material zu der Geschichte hat, kann der Zeitung diese Informationen über WikiLeaks zuspielen. Damit wäre die Anonymität der Quelle garantiert und sie könnte auch sichergehen, dass das Material auch der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird. Wir wüssten dabei, dass das Material einem bestimmten Medium zugespielt wurde, das auch ein Exklusivrecht daran hat, um die Story zu recherchieren. Wir müssten dann nicht mehr entscheiden, mit wem wir kooperieren wollen. Wir möchten neutral bleiben.

ORF.at: Wie schützen Sie Ihre Quellen?

Schmitt: Wenn uns eine Quelle ein Dokument über die Website übermittelt, dann passiert das verschlüsselt und läuft wie beim Online-Banking über eine SSL-Verbindung. Für jemanden, der die Leitungen zu uns überwachen würde, sieht das aus wie Rauschen. Er kann zwar sehen, dass da eine Kommunikation zwischen A und B stattfindet, aber er kann nicht sagen, was genau übermittelt wird. Um sicherzustellen, dass diese Zuordnung nicht möglich ist, haben wir viele Maschinen im Internet und andere Mechanismen, die dazu führen, dass ständig Rauschen produziert wird. Für jemanden, der den Datenstrom auf unserer Site beobachtet, sieht das dann so aus, als würden uns ständig Tausende Leute Informationen zuspielen. Damit ist nicht mehr zuzuordnen, was eine echte Übertragung ist und was zufällig generiertes Rauschen ist. Das ist einer der Mechanismen, mit denen wir die Quelle schützen. Es gibt viele weitere.

ORF.at: Ihre Server sind über mehrere Länder verteilt?

Schmitt: Wir arbeiten in mehreren Dutzend Ländern und hoffen, dass wir irgendwann in fast jedem Land dieser Welt einen Server oder Ressourcen zur Verfügung haben. Das ermöglicht es, das Material zu verteilen, und führt zu einer Stärkung unserer Infrastruktur. Je breiter diese verteilt ist, desto schwerer ist es, unserer Infrastruktur rechtlich oder technisch anzugreifen.

ORF.at: Wie werden die Ihnen übermittelten Dokumente geprüft?

Schmitt: Wenn Sie uns ein Dokument zuspielen, dann wird dieses Dokument zuerst von einem Team forensischer Mitarbeiter überprüft. Es wird nachgesehen, ob es manipuliert oder verändert wurde. Danach wird das Dokument sauber gemacht, damit keine Rückschlüsse auf die Quelle möglich sind. Dann wird das Dokument an ein Team von Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten verteilt, also Journalisten, Anwälte, Menschenrechts- und Finanzexperten. Wir haben ein Netzwerk von bis zu 1.000 Leuten, auf das wir zurückgreifen können. Die prüfen das Dokument dann inhaltlich und schauen, ob das Ganze Sinn ergibt. Die können im Zweifelsfall auch bei einer Organisation anfragen und eine Stellungnahme einholen. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Und all diese Dinge zusammen ergeben ein relativ robustes Rahmenwerk, das es uns ermöglicht, ein Dokument von verschiedenen Aspekten her zu beleuchten .

ORF.at: Welche Dokumente würden Sie nicht veröffentlichen?

Schmitt: Es ist wichtig zu verstehen, dass wir nur Dokumente publizieren, die in irgendeiner Art institutionell validiert oder nachprüfbar sind. Diese Dokumente sind aus unserer Sicht Bestandteil der historischen Dokumentation. Sie sind faktischer Bestandteil der Realität. Wir können diese Dokumente aber nicht bewerten, ohne unsere Neutralität zu verlieren. Das ist ein Problem. Wir sind aber der Meinung, dass es in der Verantwortung der Quelle liegt, mit diesen Informationen gut umzugehen. Bevor ein Dokument hochgeladen werden kann, muss die Frage nach der historischen, moralischen und politischen Bedeutung beantwortet werden. Wir sind aber auch der Meinung, dass die Beurteilung durch die Öffentlichkeit und die Medien vorgenommen werden muss. Was wirklich irrelevant ist, wird nicht beachtet werden. Wir würden aber sicherlich nichts publizieren, was das Leben einer Person direkt gefährden würde. Das ist eines unserer Kriterien.

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ORF.at: Vor kurzem haben Sie ein Dokument eines US-Geheimdienstes veröffentlicht, in dem Strategien zur Diskreditierung von WikiLeaks skizziert werden. Hat es solche Bemühungen gegeben? Haben Sie Erfahrungen damit gemacht?

Schmitt: Ich habe keine persönlichen Erfahrungen damit gemacht, aber wir merken täglich, dass die Arbeit, die wir machen, nicht unbedingt objektiv dargestellt wird. Deswegen ist die Öffentlichkeitsarbeit für uns auch sehr wichtig. Die angesprochene Strategie, dass man über die Diskreditierung unserer Arbeit größtmöglichen Schaden anrichten kann, ist sicherlich das größte Problem, das wir haben. Man könnte uns unter Umständen ein Dokument unterjubeln, das überall auf der Welt für Aufsehen sorgt und sich im Nachhinein als Fälschung herausstellt. Das wäre ein problematisches Szenario. Wir arbeiten aber extrem vorsichtig und sind in der Lage, so etwas abzufangen. Wir haben auch schon einige gut gemachte Fälschungen exponiert. Im Zweifelsfall werden wir aber nie wissen, ob irgendjemand so eine Kampagne am Laufen hat.

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ORF.at: Sie haben in Island an einem neuen Mediengesetz mitgewirkt, das Rechte von Medien und investigativen Journalisten stärken soll. Wie hat sich dieser Prozess gestaltet?

Schmitt: Es gibt derzeit kein Land in der Welt, das eine adäquate Gesetzgebung für die Informationsgesellschaft hat. In vielen Ländern wird Problemen, die im Internet wahrgenommen werden, mit alten Gesetzen und Strukturen begegnet. So ergeben sich Flickenteppiche, die zum Teil widersprüchlich sind und die das Wachstum und die Entwicklung einer Gesellschaft behindern. Island ist ein sehr kleines Land, das gerade aus einer Krise kommt. Man hat verstanden, warum der freie Fluss von Informationen wichtig ist. Mit Transparenz kann einer solchen Krise in Zukunft vorgebeugt werden. Das ist die Idee, die dieser Medieninitiative zugrunde liegt.

ORF.at: Sie haben Anfang des Jahres den Betrieb von WikiLeaks aufgrund von Ressourcenknappheit für einige Zeit ausgesetzt und einen Spendenaufruf gestartet. Wie sieht es mit der finanziellen Situation von WikiLeaks aus?

Schmitt: Der Spendenaufruf läuft immer noch. Wir haben im Moment eine Art Streikbetrieb, in dem wir nur die wichtigsten Sachen, die wir bekommen, veröffentlichen. Unser Archiv ist derzeit gar nicht verfügbar. Die finanzielle Situation hat sich allerdings verbessert. Wir haben seit Ende Dezember über 400.000 Euro an Spenden erhalten. Allein nach der Veröffentlichung des "Collateral Murder"-Videos waren es innerhalb der ersten fünf Tage etwa 100.000 Euro. Damit können wir die nächste Zeit gut arbeiten und auch einige Sachen erledigen, die noch in der Pipeline sind. Wir haben das Projekt drei Jahre lang aus der eigenen Tasche finanziert. Für uns ist es auch psychologisch sehr wichtig, dass die Öffentlichkeit mittlerweile vesteht, dass es wichtig ist, Stellung zu beziehen und uns zu unterstützen.

ORF.at: Waren unter den Spendern eigenlich auch Medienunternehmen?

Schmitt: Bisher nicht. Einige Medien schreiben aber über sich selbst, dass sie gespendet hätten. Da wird auch viel gelogen.

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(futurezone/Patrick Dax)