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Hype Machine: Die Online-Musikwundertüte

MP3-Blogs
07.05.2009

Seit 2005 bündelt The Hype Machine Musik aus Tausenden MP3-Blogs und liefert so nicht nur die Möglichkeit, neue Songs zu entdecken, sondern spiegelt auch detailliert wider, welche Songs und Musiker im Web von sich reden machen. ORF.at hat mit Anthony Volodkin, dem Gründer des Musikblog-Aggregators, über MP3-Blogs und Veränderungen im Musikgeschäft gesprochen.

Die neuesten Songs aus MP3- und Musikblogs verspricht der Blog-Aggregator The Hype Machine, der Musik aus rund 1.400 Musikblogs zentral zugänglich macht und monatlich rund 1,5 Millionen Besucher zählt. "Wir geben wieder, was derzeit in Musikblogs passiert und welche Musik die Leute interessiert", sagt Hype-Machine-Gründer Volodkin.

Der 23-jährige Informatikstudent aus New York City war mit der Musikauswahl im Radio und in der Musikpresse unzufrieden. Er suchte nach einer Möglichkeit, interessante neue Musik kennenzulernen, und wurde in MP3-Blogs fündig. Dort waren nicht nur versierte Meinungen, sondern auch die Musik selbst zu hören.

Vor vier Jahren stellte er den Prototyp seines Blog-Aggregators ins Netz. Seither gilt The Hype Machine als Brennpunkt der rasant wachsenden Musikblog-Szene. "Musikblogs haben dazu beigetragen, dass das Musikgeschäft aufrichtiger geworden ist", ist Volodkin überzeugt.

Betreibt seit 2005 The Hype Machine: Anthony Volodkin.

ORF.at: Was war für Sie die Motivation, The Hype Machine zu gründen?

Volodkin: Ich habe Hype Machine hauptsächlich deshalb gestartet, um interessante neue Musik zu entdecken. Ich hatte den Eindruck, dass das weder über das Radio noch über Musikmagazine möglich ist. Denn dort werden hauptsächlich Musiker gefeaturt oder gespielt, die gute Pressearbeit machen oder Kontakte zu den Leuten in den Medien haben. Ich habe also nach anderen Möglichkeiten gesucht und bin auf Musikblogs gestoßen, die MP3-Files posten und denen man anmerkt, dass ihnen die Musik wirklich am Herzen liegt. Das hat mich umgehauen, und ich habe mir überlegt, wie man diese Blogs zusammenführen könnte, um einen besseren Überblick über die Aktivitäten dort zu bekommen. Ich habe also den Prototyp eines Aggregators gebaut und ins Netz gestellt. Einige Leute haben darüber geschrieben, die Reaktionen waren sehr positiv.

ORF.at: Es gibt Tausende Musikblogs im Netz. Nach welchen Kriterien wählen Sie jene aus, die auf The Hype Machine aufscheinen?

Volodkin: Wir haben von Anfang an eine Auswahl getroffen. Derzeit aggregieren wir rund 1.400 Musikblogs. Uns war wichtig, Blogs zu finden, denen man anmerkt, dass sie die Musik wirklich mögen, und die nicht nur wegen des Geldes oder der Zugriffe darüber schreiben. Das Genre spielt dabei weniger eine Rolle. Wichtig war, dass die Leute gut schreiben und die Blogs einigermaßen regelmäßig aktualisiert werden.

ORF.at: Welche Audioblogs lesen Sie eigentlich selbst?

Volodkin: Ich mag einige der älteren Blogs, die schon da waren, als wir mit The Hype Machine begonnen haben. Etwa Said the Gramophone. Unglücklicherweise habe ich, seit ich The Hype Machine mache, weniger Zeit, Musikblogs zu lesen. Ich höre auch weniger Musik, weil ich sehr beschäftigt bin.

MP3-Blogs

MP3-Blogs und Musikblogs, die neben kurzen Rezensionen die besprochenen Alben und Songs auch zum Download anbieten, lassen sich in gewisser Weise auch mit Fanzines vergleichen. Im Gegensatz zu Fanzines sind MP3-Blogs aber eher ein kollektives Phänomen. Da sich über die in die Weblog-Software eingeschriebenen Möglichkeiten leicht Netzwerke bilden lassen, entsteht ein dezentraler Meinungsaustausch über Musik, der sich gegenseitig befruchtet, und es bilden sich Netzwerke von Experten für Genres und musikalische Spielarten aller Art. In ihrer Summe können sie als ein kollektives Sensorium für neue Musik betrachtet werden.

ORF.at: Wie haben Musikblogs Ihrer Meinung nach das Musikgeschäft verändert?

Volodkin: Musikblogs haben dazu beigetragen, dass das Musikgeschäft aufrichtiger geworden ist. Uninteressante Musik, die vielleicht früher durch Marketinginitiativen der Musikkonzerne noch verkauft wurde, hat es heute schwerer, Käufer zu finden. Gute Songs, die kaum Unterstützung durch das Marketing der Labels haben, finden heute durch die Unterstützung aus dem Netz dennoch eine Öffentlichkeit. Es funktioniert also in beide Richtungen. Die guten Sachen werden unterstützt, und schlechte Musik wird ignoriert.

ORF.at: Können Musikblogs Bands groß machen?

Volodkin: Die entscheidende Frage ist, ob es eine bestimmte Site gibt, die einer Band weiterhelfen kann. Unglücklicherweise ist die Antwort, dass es eine solche Site nicht gibt. Es gibt jedoch einen Mix aus Social-Media-Angeboten, die Bands und Musikern sehr wohl helfen können. Es gibt einige Bands, etwa die Arctic Monkeys und Gnarls Barkley, die über YouTube, MySpace, Blogs und The Hype Machine ihr Publikum gefunden. haben. Für Musiker ist es aber wichtig, auf all diesen Kanälen präsent zu sein, weil jedes dieser Angebote seine Stärken hat. YouTube erreicht ein bestimmtes Publikum, The Hype Machine ein anderes. Bands und Musiker, die überall präsent sind, haben eine größere Chance, ihr Publikum zu finden.

ORF.at: Audioblogs sind nicht selten von Abmahnungen von Rechteinhabern betroffen. Haben Sie damit auch Erfahrungen gemacht?

Volodkin: Wir haben einige Beschwerden erhalten. In einigen Fällen war das eine klare Sache. Aber es passiert uns nicht allzu oft.

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ORF.at: Zuletzt gab es in den USA heftige Debatten über Streaming-Gebühren für Online-Radio. Sie bieten auch Online-Radio an. Daneben können Streams und MP3s auch über The Hype Machine angesteuert werden. Machen Ihnen die Gebühren ebenfalls zu schaffen?

Volodkin: Was den Radioteil betrifft, sind die Gebühren eine klare Sache. Wir zahlen an Verleger und Rechteinhaber. Viele Songs, die über The Hype Machine angesteuert werden können, liegen jedoch auf anderen Seiten. Wir arbeiten deshalb an einem Modell, das für uns Sinn ergibt. Generell finde ich jedoch, dass die Vorstellungen der Rechteinhaber über Einnahmen bei Online-Streaming oft unvernünftig sind. Die Kosten, etwa für die Bandbreite, steigen exponentiell, je mehr Leute sich die Streams anhören. Ich glaube, dass das von den Rechtinhabern berücksichtigt werden sollte. Bei den Einnahmen gibt es sicherlich Verbesserungsmöglichkeiten, aber die Forderungen der Rechtinhaber setzen die Anbieter unter Zugzwang und verhindern Experimente.

ORF.at: Wie sehen Sie The Hype Machine im Verhältnis zu anderen Musikempfehlungsseiten wie etwa last.fm und Pandora?

Volodkin: Wir geben nicht vor zu wissen, was die Nutzer wollen. Wir geben wieder, was derzeit passiert und interessant ist. Wir vermitteln den Kontext, in den Blogger die Musik eingebettet haben.

ORF.at: Wie wird eigentlich The Hype Machine finanziert. Haben Sie Investoren an Bord?

Volodkin: Nein, wir haben keine Investoren. Unsere Einnahmen erzielen wir einerseits mit Werbung und andererseits über Affiliate-Programme mit Online-Musikshops. Wir linken etwa auf iTunes, Amazon und eMusic und erhalten einen Teil der Einnahmen aus Musikverkäufen, die über uns zustande gekommen sind. Wir denken jedoch auch über zusätzliche Einnahmequellen nach, sind aber bisher zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen.

ORF.at: Wie viele Leute klicken die Links zu den Online-Musikshops und kaufen die Musik?

Volodkin: Das ist im Detail schwer zu sagen. ITunes verkauft etwa über uns pro Monat bis zu 20.000 Songs. Bei Amazon sind es ein bisschen weniger.

Das Gespräch mit Volodkin fand Anfang April am Rande der Social-Media-Konferenz re:publica in Berlin statt. Mehr zur re:publica:

ORF.at: Lesen Sie eigentlich noch die Musikpresse?

Volodkin: Ich habe eigentlich nie viele Musikmagazine gekauft, ich freue mich manchmal über Artikel, aber The Hype Machine hat Musikmagazine für mich weitgehend ersetzt. Aber ich glaube, dass es interessant wäre, professionelle Artikel mit Musikblogs zu mischen. In diese Richtung wollen wir uns auch entwickeln. Denn ich glaube, dass ein solcher Mix wirklich interessant sein könnte. Wir denken aber auch über Videos nach.

ORF.at: Warum sind Ihrer Meinung nach nicht etablierte Musikmedien auf die Idee gekommen, so etwas wie The Hype Machine zu starten ?

Volodkin: Das wäre wohl schwierig geworden. Wenn Unternehmen mit Musik im Web experimentieren, die über ausreichend Kapital verfügen, werden sie wohl früher oder später wegen Urheberrechtsverstößen geklagt. Egal ob die Klage gerechtfertigt wäre oder nicht. Irgendjemand wird es wohl immer versuchen. Ich denke aber, dass sich die Situation in den vergangenen Jahren entspannt hat. Das beste Zeichen dafür ist, dass EMI nun selbst ein Musikblog betreibt.

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(futurezone/Patrick Dax)