"Über Web 2.0 wird viel Mist geschrieben"

02.11.2006

Online-Mitmachangebote boomen auch im deutschsprachigen Raum. Der Social-Bookmark-Dienst Netselektor setzt auf diesen Trend. Warum redaktionell erstellte Inhalte trotzdem wichtig sind, erzählt Netselektor-Gründer Udo Raaf, der auch das MP3-Musikmagazin Tonspion betreibt, im Interview mit ORF.at.

Seit 1999 zeichnet Raaf für das von ihm gegründete Online-Musikmagazin Tonspion verantwortlich. Mit rund 700.000 Besuchern pro Monat zählt es zu den führenden Online-Musikangeboten im deutschsprachigen Raum.

Am Mittwoch hat der Berliner den Social-Bookmark-Dienst Netselektor gestartet, mit dem er das Prinzip der Musikempfehlungsseite auf das gesamte Internet umlegen will.

Redaktion ergänzt Nutzer

Dabei setzt er nicht nur auf die Beiträge der User, sondern auch auf eine eigene Redaktion, die nutzergenerierte Inhalte filtert und ergänzt.

Social Bookmarks

Social-Bookmark-Sites ermöglichen es ihren Nutzern, Bookmarks online zu speichern, mit Schlagwörtern [Tags] zu versehen und untereinander auszutauschen. Neben der im Jahr 2003 gegründeten Plattform Del.icio.us, die mittlerweile von Yahoo übernommen wurde, zählen unter anderem Furl und Jots, die auch Kopien der vorgemerkten Seiten speichern, zu den beliebtesten Angeboten.

Auch im deutschsprachigen Raum buhlen bereits seit längerem einschlägige Angebote wie Mister Wong und taggle um die Gunst der Nutzer.

ORF.at: Wodurch unterscheidet sich der Netselektor von den deutschen Del.icio.us-Klonen Mister Wong und taggle?

Raaf: In vielerlei Hinsicht. Zwar können die Nutzer ihre Bookmarks ebenso bei uns verwalten und mit anderen teilen, aber nicht nur.

Wir bieten auch täglich neue redaktionelle Inhalte und sind deshalb auch ein Internet-Magazin und Webguide. Wir stellen also nicht nur die Technik bereit, sondern auch eigene Inhalte.

ORF.at: Bei Furl und Mister Wong wird das Angebot mit Hilfe kollaborativer Filter ausschließlich von den Nutzern gestaltet. Wieso sollte eine Redaktion das besser können?

Raaf: Wir sagen nicht, dass wir das besser können. Wir gehen nur anders damit um. Wir ergänzen das kollaborative Filtern um einen -wie ich finde - wichtigen Aspekt: einen redaktionellen Teil.

Ehrlich gesagt finde ich die diversen Social-Bookmarks-Seiten mit ihren endlosen Listen von Bookmarks unterschiedlichster Qualität etwas mühsam.

Mit Netselektor nutzen wir zwar die gleiche Technologie und das Wissen unserer Nutzer um gute Internet-Seiten, bieten aber auch denjenigen etwas, die einfach und schnell ein paar neue interessante Seiten entdecken wollen.

ORF.at: In den USA hat der Ausverkauf der Mitmach-Sites bereits vor längerem begonnen, es ist bereits von der "Bubble 2.0" die Rede. Ist in Deutschland mit Ähnlichem zu rechnen?

Raaf: Da muss man schon ein bisschen differenzieren. Der Begriff eines Web 2.0 war nichts Weiteres als ein ziemlich gelungener Versuch von Tim O'Reilly, die Entwicklung des Internets in den vergangenen Jahren zu beschreiben. Dass es von manchen Online-Aktivisten zu einer Art Ersatzreligion gemacht wurde, ist nicht seine Schuld.

Es ist unglaublich viel Mist über das Thema geschrieben worden. Man kann eben auch im Netz nicht alles in einen Topf schmeißen, wie viele Medien das derzeit tun. Das Web entwickelt sich weiter und es wird zweifellos immer besser und effektiver. Ob man das Web 2.0 nennen muss oder nicht, ist vollkommen unerheblich.

"Business as usual"

Dass manche Seiten auf geschickte Art und Weise Millionen Leute anziehen und deshalb für viel Geld an Konzerne verkauft werden, wie etwa YouTube oder MySpace, ist nichts anderes als Business. Business as usual. Da unterscheidet sich das Netz nicht im Geringsten von Geschäften in anderen Branchen.

Übrigens sind die Nutzerzahlen dieser Anbieter real und keine Fiktion wie bei der ersten großen Dotcom-Blase Ende der 90er. Da wurden ja tatsächlich nur Luftschlösser im Internet gebaut, die nach und nach geplatzt sind. Deshalb kann man das auch nicht vergleichen.

ORF.at: Der ebenfalls von Ihnen gegründete Tonspion zählt mittlerweile zu den populärsten deutschen Online-Musik-Sites. Haben Sie eigentlich Kaufangebote bekommen?

Raaf: Sagen wir so: Es gab diverse Anfragen, ob das eine Option für uns sei. Da wir aber ein unabhängiger Anbieter sind und bleiben wollen und unser musikalisches Angebot auch eher nicht für den Massengeschmack taugt, steht das eigentlich nicht zur Debatte.

Wer so eine Seite übernimmt, will und muss das Massenpublikum im Auge haben. Das würde uns aber keinen Spaß machen. Mainstream gibt es doch schon genug in der Glotze und im Radio. Das Gleiche gilt übrigens für Netselektor.

ORF.at: Der Netselektor empfiehlt gute Seiten im Netz. Welche Seiten zählen zu Ihren Favoriten?

Raaf: Autsch. Da wir im Netselektor Hunderte von Seiten empfehlen, fällt eine Auswahl wirklich schwer.

Meine persönlichen Favoriten derzeit: Pandora, eine sagenhafte Inspirationsquelle für den ganz individuellen Musikgeschmack; die W-Lan-Community Fon, weil sie den Platzhirschen von Telekom & Co. ordentlich einheizen könnte; und Skyscanner, weil ich viel unterwegs bin und dort schnell und einfach die günstigsten Flüge finde.

(futurezone | Patrick Dax)