Vom Filmspiel zum Spielfilm

Matrix Forum
16.04.2006

Warum Film- und Gameindustrie immer öfter gemeinsame Sache machen und wie beide davon profitieren können - am Beispiel von "Tomb Raider" und "The Movies".

Der Film "Tron" aus dem Jahr 1982 ist ein früher Beleg dafür, dass Hollywood gerne Anleihen bei der Ästhetik von Computerspielen nimmt. Ein aktuelleres Beispiel ist die Verfilmung des legendären Ego-Shooters "Doom", der Ende 2004 in den Kinos lief.

Lara Croft als Vorreiterin

Dass aus einem erfolgreichen Game auch ein erfolgreicher Film werden kann, hat Lara Croft, Action-Heldin aus der Computerspiel-Reihe "Tomb Raider", schon vor Jahren bewiesen.

Entwickelt wurde die Figur der Lara Croft 1996 von der englischen Computerspielefirma Eidos. Deren Gründer Ian Livingston kennt auch den Grund, warum Filmindustrie und Gameindustrie seit ein paar Jahren immer enger aneinanderrücken und wechselseitig auf ihre Stoffe und Markennamen zurückgreifen.

2007 soll auch eine Verfilmung der Videospiel-Reihe "Halo" ins Kino kommen, für die Microsoft den Schriftsteller Alex Garland ["The Beach", "28 Days Later"] als Drehbuchautor und "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson als Produzent verpflichtet hat. Als Regisseur im Gespräch ist Ridley Scott.

Finanzielle Risiken reduzieren

"Diese Entwicklung passiert, weil man Risiken minimieren möchte. Die Produktion von Games wird immer aufwendiger und teurer und die von Filmen auch. Man möchte das finanzielle Risiko reduzieren und setzt daher auf Produkte und Stoffe, für die es bereits einen Markt gibt.

Man muss sich vorstellen: Die Produktion eines Games verschlingt mehr als fünf Millionen Pfund, dauert mehr als zwei Jahre und mehr als 100 Leute sind an der Entwicklung des Spiels beteiligt - ein ziemlicher Alptraum. Wenn man als Spielehersteller dabei die Risiken reduzieren kann, dann macht man es natürlich", so Livingston.

"Cinematographische Games"

Neben Verfilmungen von Computerspielen und Games, die als eine Art Merchandising-Maßnahme zu besonders großen Filmproduktionen auf den Markt kommen, gibt es auch Games, die nicht direkt auf Filmstoffe zurückgreifen, sich aber dennoch sehr an Filmen orientieren.

Mittlerweile ist die siebente Auflage von Lara Croft als Archäologin in "Tomb Raider" als Videospiel erschienen.

"The Getaway"

Dazu zählen etwa die Games der "The Getaway"-Reihe. Für sie wurde der Stadtkern von London penibel photorealistisch nachgebaut und beim Inhalt ausgiebig beim Genre der britischen Gangster-Filme Anleihen genommen.

Für das "Drehbuch" von "The Getaway 2 - Black Monday" war Katie Ellwood verantwortlich, die zuvor bereits Erfahrung als Drehbuchautorin für Film und Theater gesammelt hatte.

Als "Narrative Producer" ist sie beim "Team Soho" von Sony dafür zuständig, den einzelnen Charakteren möglichst viel emotionale und psychologische Tiefe zu geben.

Virtuelle Filmproduktion in "The Movies"

Dass sich Film und Computerspiel auf innovative und höchst originelle Art und Weise miteinander verbinden lassen, beweist auch das Game von Peter Molyneux, der vor allem mit seinem Godgame "Black & White" bekannt geworden ist: Der Engländer macht den Spieler in "The Movies" kurzerhand zum Leiter einer Filmproduktionsfirma.

Als formale Vorbilder sind Filme für Molyneux nicht nur im Zusammenhang mit "The Movies" von Bedeutung; sie sind als ästhetische und atmosphärische Referenzpunkte generell wichtig für ihn in seiner Arbeit.

Fernsehserien als Vorbild

Peter Molyneux sieht allerdings nicht nur Kinofilme, sondern in immer stärkerem Ausmaß auch Fernsehserien als Vorbild.

"Ich denke, dass Fernsehserien und Computerspiele eine Reihe von Ähnlichkeiten aufweisen. Serien wie 'Desperate Housewives', 'Lost', 'Six Feet Under' und '24' sind von den Handlungsbögen, die sich über 26 Episoden oder ca. 20 Stunden entwickeln mit Games vergleichbar, die auch eine Spieldauer von 15-20 Stunden haben", so Molyneux.

Vor kurzem übernahm Microsoft Molyneuxs Spielefirma Lionhead, die nun exklusiv für den Softwareanbieter Spiele für dessen Spielekonsole Xbox und den PC entwickeln wird.

"Matrix", heute um 22:30 Uhr auf Ö1

Mehr über "The Movies" sowie Interviews mit Peter Molyneux, Katie Ellwood und Ian Livingston gibt es heute Abend in der Sendung "Matrix", für die sich Richard Brem an die immer zahlreicher werdenden Schnittstellen von Computerspiel und Film begeben hat.

Für Ö1-Club-Mitglieder steht die Sendung ab 22.30 Uhr auch zum Download bereit.

(futurezone | matrix)